Abstract
Definition Stereotyp:
„Vereinfachendes, verallgemeinerndes, stereotypes Urteil, [ungerechtfertigtes] Vorurteil über sich oder eine Sache; festes, klischeehaftes Bild“.
Definition ethnische Identität:
Die ethnische Identität ist mit kulturellen Verhaltensweisen, Werten und Einstellungen gegenüber der eigenen Gruppe assoziiert.
Definition kulturelle Identität:
„Identity [...]the way individuals and groups define themselves and are defined by others on the basis of race, ethnicity, religion, language, and culture.“
Durch die immer wiederkehrenden Unterdrückungen der russlanddeutschen Kultur gingen viele deutsche Traditionen, sowie die deutsche Sprache über die Zeit immer mehr verloren. Doch zum Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre wurde der Vielvölkerstaat, die Sowjetunion, von einer Art Wiederaufleben des ethnischen Bewusstseins erfasst. Dies hatte auch auf die Russlanddeutschen eine Auswirkung und zeigte sich in Form von Forderung nach gesellschaftlicher Gleichstellung mit anderen ethnischen Gruppen und in der Besinnung auf die eigenen Traditionen. Bei den meisten Russlanddeutschen kann man zu diesem Zeitpunkt nur noch von einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl sprechen.
Ich habe sechs Interviews geführt, bei denen ich größtenteils junge Menschen interviewt habe, die entweder als Kleinkinder (mit 2 oder 3 Jahren) nach Deutschland gekommen sind oder bereits in Deutschland geboren sind. Die Interviews sind in 3 verschiedenen Fragenblöcke gegliedert: einführende/allgemeine Fragen, Fragenblock Stereotypen und Fragenblock Identität.
Wichtige Definitionen
Das Ziel der Interviews ist es herauszufinden, wie Russlanddeutsche in der 2. Generation ihre eigene Identität (durch kulturelle und ethnische Identität) wahrnehmen und ob Stereotypen dabei eine Rolle spielen und wenn ja, in welchem Ausmaß.
Stereotypen
Natürlich sind Stereotypen ein Themenfeld, das bestimmte Merkmale kultureller Gruppen und Verhaltensweisen von Menschen pauschalisierend darstellt. Trotz allem lässt sich manchmal auch Wahres an Stereotypen finden. Wenn man seine Wurzeln in einem anderen Land hat, sieht man sich nun mal oft mit Stereotypen konfrontiert. Deswegen habe ich mich dazu entschieden trotz der Schwierigkeiten, die mit dieser Begrifflichkeit einhergehen, Stereotypen mit einzubeziehen und mich an dem vielleicht berühmtesten russischen, über Stereotypen schreibenden Autor Wladimir Kaminer zu orientieren. Jener plädiert für eine positivere Wahrnehmung von Stereotypen: „Wir brauchen mehr Klischees, damit man mehr Farben, mehr Eigenarten kennt von dem anderen“.
In der Forschungsfrage findet sich eine Anspielung auf Stereotypen durch die Bezeichnung „wilde Russen“ und „angepasste Deutsche“.
Definition Stereotyp:
„Vereinfachendes, verallgemeinerndes, stereotypes Urteil, [ungerechtfertigtes] Vorurteil über sich oder eine Sache; festes, klischeehaftes Bild“.
Quelle: Stereotyp, https://www.duden.de/rechtschreibung/Stereotyp.
Grüter; Michael, Hannoversche Allgemeine, Kaminer: „Wir brauchen mehr Klischees, mehr Farben, mehr Eigenarten“, 13.09.2010, https://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Neues-Leben-aus-tiefer-Seele/Kaminer-Wir-brauchen-mehr-Klischees-mehr-Farben-mehr-Eigenarten.
Identität
Mit dem Begriff Identität verhält es sich genau so oder fast noch schwieriger. Der Begriff Identität ist ein sehr weiter Begriff, der die verschiedensten Themenfelder umfassen kann. Um den Begriff etwas zu bündeln, beschränke ich mich in dieser Arbeit hauptsächlich auf soziale- und persönliche Identität, die kulturelle - und ethnische Identität.
Definition soziale Identität:
Soziale Identität entwickelt sich im Zuge von Reaktionen der „Außenwelt“ auf das eigene Verhalten. Sie beschreibt Einordnungen in eine soziale Kategorie, die man bewusst oder unbewusst aus dem gesellschaftlichen Umfeld wahrnimmt. Sie ist sozial konstruiert und kann auch zur Entwicklung der persönlichen Identität beitragen. Sie bietet oft die Grundlage zu deren Ausbildung dieser. Die Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe kann durch den gleichen Glauben, gleiche Moralvorstellungen oder die gleichen physischen Attribute bedingt werden.
Definition persönliche Identität:
Die persönliche Identität beschreibt, wie eine Person sich selber wahrnimmt, ihr Selbstbild. Wie eine Person ihren Charakter, bestimmte Agierungsprinzipien und Wurzeln einschätzt. Die persönliche Identität wird häufig als fest geschriebener und unveränderbarer angesehen, als die soziale Identität. Die persönliche Identität formt die moralische Orientierung aber auch wie man sich kleidet, ausdrückt, spricht und welchen kulturellen Vorlieben man nachgeht – Theaterbesuch, Museum oder Kino.
Quelle: Fearon; James, What is Identity (As we use the word now) ?, 1999.
Fuhrer; Urs, Selbst, Identität und Raumbezug, Enzyklopädie Umweltpsychologie, 2008.
Definition kulturelle Identität:
„Identity [...]the way individuals and groups define themselves and are defined by others on the basis of race, ethnicity, religion, language, and culture.“ (Quelle: zitiert nach :Deng 1995,1 In: Fearon; James, What is Identity (As we use the word now) ?, 1999,4.).
Definition ethnische Identität:
Ich beziehe ethnische Identität auf zwei verschiedene Definitionen.
Einmal auf die von Rotheram und Phinney (1987), die besagt dass ethnische Identität definiert wird durch „[...] ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe und den Teil des Denkens, der Wahrnehmung und des Verhaltens, der durch diese Gruppenzugehörigkeit bedingt ist“ (zitiert nach Rotheram und Phinney, In: https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00027390/Diss/Dissertation_Fleischmann_Thulb.pdf, 7.).
Die zweite Definition beschreibt ethnische Identität als „ [...] dynamisches Konstrukt [...] umfasst neben dem Zugehörigkeitsgefühl auch Prozesse des Lernens über die eigene Gruppe. Dabei ist die ethnische Identität mit kulturellen Verhaltensweisen, Werten und Einstellungen gegenüber der eigenen Gruppe assoziiert.“ (zitiert nach Phinney und Ong, In:
Kulturelle- und ethnische Identität sind Bezeichnungen, die einander sehr ähnlich sind. Ich unterscheide sie allerdings wie folgt:
Kulturelle Identität orientiert sich an abstrakteren Merkmalen, wie der Sprache, Moralvorstellung und Religion, während die ethnische Identität die Abstammung von einer bestimmten Gruppe beschreibt, zu der man sich zugehörig fühlt.
Russlanddeutsche fühlten sich im russischen Reich durch ihre Minderheitsstellung und Abwertung als Gruppe miteinander verbunden. Dies stärkte sicherlich ihren Zusammenhalt.
Im sowjetischen System spielte die Ethnizität eine wichtige Rolle. Eine ethnische Zugehörigkeit „Ethnonationalität“ wurde jedem zugeordnet, war vererblich und im Personenstandsdokument vermerkt. Von offizieller Seite in dem Maß „gekennzeichnet“ zu werden, muss eine prägende Erfahrung gewesen sein. Deshalb ist es interessant darauf zu achten, wie Russlanddeutsche Eltern den Integrationsprozess ihrer Kinder begleitet haben und in welcher Form sie ihnen ein Bewusstsein für ihre ethnische Identität vermittelt haben.
Quelle: Panagiotidis; Jannis, Identität und Ethnizität bei Bundesbürgern mit russlanddeutschem Migrationshintergrund, 14.01.2019, https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/283533/identitaet-und-ethnizitaet-bei-bundesbuergern-mit-russlanddeutschem-migrationshintergrund.
Phänomenologie
Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, welchen wissenschaftlichen Ansatz ich heranziehen werde. Ich wollte mit so wenig festgefahrenen Leitlinien arbeiten, wie möglich und bin dann auf einen Ansatz gestoßen, der mir den scheinbar größten Freiraum lässt: den phänomenologischen Ansatz. In der Phänomenologie (griechisch phainomenon „Sichtbares, Erscheinung“; logos „Rede, Lehre“), die vom deutschen Philosophen Edmund Husserl (1859-1928) begründet wurde soll die „[...]Welt sollte so begriffen werden, wie sie von den Handelnden erfahren wird. Zuerst sollten also die Konzepte, mit denen die Menschen im Alltag Probleme, Situationen und Ereignisse erfassen und deuten, beschrieben werden.“
Quelle: Die Phänomenologie, https://www.univie.ac.at/ksa/elearning/cp/ksamethoden/ksamethoden-37.html.
Die Bedeutung von Stereotypen
Stereotypen und Klischees sind trotz ihrer meist negativen Assoziation fest im gesellschaftlichen Denken verankert. Es macht natürlich auch Sinn, dass Stereotypen reproduziert werden, da sie sozialen Gruppen, dazu dienen können sich abzugrenzen und somit ermöglichen die eigene Identität und Gruppenzugehörigkeiten stärker heraus stellen. Ihre Reproduktion ist häufig kein bewusster Vorgang, sondern kann subtil durch verschiedenste Weisen vermittelt werden. Sei es in Filmen, in denen phänotypisch „ausländisch“ aussehende Menschen die Bösewichte spielen oder jungen Frauen, mit langen Haaren und einem zurecht gemachten äußeren Erscheinungsbild oft als aus Osteuropa kommend identifiziert wird. Menschen ordnen andere Menschen in soziale Kategorien ein, um sich ein Bild davon zu machen, wen sie vor sich haben. Stereotypen erleichtern diese Einordnungen. Diese Klassifizierungen haben aber nicht immer nur etwas mit äußeren Merkmalen zu tun, sondern können auch auf einer bereits bekannten Gruppenzugehörigkeit basieren. Stereotypisierung geschieht laut Stangor dadurch, dass man Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit Eigenschaften zuordnet, die man als charakteristisch für soziale Gruppen und deren Mitglieder sieht (Stangor 2009 33). Stereotypen sind „[...] generalisierte Erwartungen über Gruppenmitglieder [...]“ (Duckitt 2003, 33). Vermutlich hat jeder Stereotypen im Kopf, die einem durch den gesellschaftlichen Sozialisierungsprozess vermittelt wurden. Briten sind exzessive Partybesucher, Russen trinken nur Wodka und Amerikaner essen Burger.
Deswegen ist es bei meiner Arbeit besonders interessant darauf zu achten, inwiefern Russlanddeutsche mit Stereotypisierungen in Kontakt gekommen sind. Wurden sie mit allen russischsprachigen Menschen in einen Topf geworfen und als Russlanddeutsche bezeichnet oder kann man eine Differenzierung entdecken? Vielleicht differenzieren sich Russlanddeutsche Migrantenkinder sogar selber von „den Russen“, weil sie als deutsche gesehen werden wollen oder als spezifisch Russlanddeutsche? Inwiefern haben sie diese Zuschreibungen beeinflusst?
Quelle: Dietz; Barbara, Zwischen Anpassung und Autonomie: Russlanddeutsche in der vormaligen Sowjetunion und in der Bundesrepublik Deutschland, Veröffentlichungen des Osteuropa – Institutes München, Reihe: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 22, Duncker & Humblot, Berlin.
Die Bedeutung von ethnischer Identität
Die Ausprägung von ethnischer Identität beginnt schon im frühen Kindesalter und bekommt im Jugendalter eine noch größere Bedeutung zugeschrieben. Auf eine Art strebt jeder danach sich zugehörig zu fühlen. Auch wenn wir heut zu tage in einer globalisierten Welt leben hat die Frage „wo kommst du her“ und „wer bin ich – was sind meine Wurzeln“ immer noch eine Bedeutung für Menschen. Seine eigene Identität zu kennen vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Gemeinschaft – „wissen, wo man hingehört“. Gerade, wenn dies nicht selbstverständlich ist, wie in Familien, die einen Migrationshintergrund haben und die Situation kennen, in der einem dieses Gefühl von Sicherheit, Gemeinschaft und Zugehörigkeit wichtig ist. In der Entwicklungstheorie wird angenommen, dass sich das Verständnis und Bewusstsein von ethnischer Identität mit voranschreitendem Alter stärker herausbildet. Kinder, die einer ethnischen Minderheit angehören machen früher und öfter Erfahrungen mit Ausgrenzung aufgrund von bestimmten Attributen, die sie von ethnischen Mehrheiten unterscheiden. Beispiele dafür wären Sprachkenntnisse, Vor- und Nachnamen und phänotypisches Aussehen. Dementsprechend ist Kindern ethnischer Minoritäten eher bewusst, dass sie einer ethischen Gruppe angehören, als den Kindern ethnischer Majoritäten.
Sich einer ethnischen Identität zugehörig zu fühlen ist ein Prozess, der das ganze Leben andauern kann und von dynamischen Strukturen bestimmt wird. Im Prozess des Erwachsen Werdens eignet man sich eine bestimmte Identität an. Deren Entstehung ist beeinflusst von vielen äußeren Faktoren, wie zum Beispiel dem sozialen Umfeld, bestehend aus Freunden und Familie. Doch auch der Erkenntnisprozess über seine eigenen Identität und die Auseinandersetzung damit ist von zentraler Bedeutung. Nicht immer findet dies unbedingt im Stadium des Heranwachsenden statt. Das „sich bewusst werden“ über die eigene Identität kann ebenso im fortgeschrittenem Alter statt finden oder sich, wie bereits erwähnt, noch einmal grundlegend ändern, da es sich um einen dynamischen Prozess handelt. Der Zustand in dem man sich mit seiner eigenen Identität intensiv auseinandergesetzt hat bezeichnet Erikson als „achieved identity“ (zu deutsch erarbeitete Identität). Befindet man sich in diesem Stadium hat man eine Phase des „[...]Explorierens und Experimentierens[...]“ durchlaufen. Mit „Exploration“ ist gemeint, dass man sich in verschiedensten Bereichen mit seiner ethnischen Gruppe beschäftigt hat, wie dem Verständnis über Geschichte der ethnischen Gruppe, deren Bräuche und Überzeugungen. Außerdem führt dieser Prozess zu einem „commitment“, zu einer Entscheidung, wie man selber diese Gruppe wahrnimmt und ob man sich ihr zugehörig fühlt. Der Prozess des „commitments“ ist ein sehr wichtiger Teil der Identitätsausprägung. Er zieht ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Stolzes, sowie eine positive Einstellung gegenüber jener ethnischen Gruppe mit sich.
Die ethnische Identität ist also ein inneres Gefühl der Zugehörigkeit einer Person zu einer bestimmten Gruppe. Dieses Gefühl ist wichtig, um seinen Platz in der Gesellschaftsstruktur zu finden und soll an dieser Stelle verdeutlichen, warum ich die ethnische Identität als wichtigen Orientierungspunkt für meine Arbeit gewählt habe.
Quelle: Dietz; Barbara, Zwischen Anpassung und Autonomie: Russlanddeutsche in der vormaligen Sowjetunion und in der Bundesrepublik Deutschland, Veröffentlichungen des Osteuropa – Institutes München, Reihe: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 22, Duncker & Humblot, Berlin.
Russlanddeutsche und ihre ethnische Identität - wie viel ist davon noch übrig?
Am Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre wurde der Vielvölkerstaat, die Sowjetunion, von einer Art Wiederaufleben des ethnischen Bewusstseins erfasst. Dies hatte auch auf die Russlanddeutschen eine Auswirkung und zeigte sich in Form von Forderung nach gesellschaftlicher Gleichstellung mit anderen ethnischen Gruppen und in der Besinnung auf die eigenen Traditionen. Die Russlanddeutschen in der Sowjetunion verband ihre gemeinsame Geschichte. In negativer Form der Erinnerung an die kollektiven Deportationen in Folge des 2. Weltkrieges, welche verbunden waren mit starker Diskriminierung aber auch in positiver Form durch die eigenständigen Entwicklungen der autonomen Verwaltungseinheiten russlanddeutscher Siedlungen. Besonders ist hierbei die Wolgarepublik zu nennen, die sogar auf Russlanddeutsche, die nicht dort lebten, eine identitätsstiftende Wirkung hatte. Das Schwinden der Deutschkenntnisse, vor allem nach dem 2. Weltkrieg, wurde unter Russlanddeutschen als problematisch gesehen. Allerdings betonte man immer wieder, dass der Sprachverlust nicht zwangsweise einen Verlust der ethnischen Identität des Deutschtums mit sich zieht. Eine Erklärung für das Voranschreiten des Sprachverlusts kann auch gewesen sein, dass in der Sowjetzeit die Zahl der „Mischehen“ (Ehen zwischen Russlanddeutschen und Sowjetbürgern anderer Nationalitäten) deutlich anstiegen. Gründe dafür können die Auflösung einiger Mutterkolonien durch Zwangsumsiedlungen sein, wodurch sich „Mischehen“ eher ergaben, als davor. Die deutsche Sprache, kulturelle und religiöse Bräuche sind nur noch rudimentär vorhanden, vor allem in den jüngeren Generationen, weshalb in diesen Generationen eher von einem subjektiven, als von einem tatsächlich messbaren Zugehörigkeitsgefühl gesprochen wird. Mit diesem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl ist gemeint, dass auf deutsche Traditionen und Sprache, obwohl sie kaum noch vorhabenden sind, trotzdem Bezug genommen wird. Das Erhalten des subjektiven Zugehörigkeitsgefühls kann auch etwas damit zu tun haben, dass im sowjetischen Passsystem die Nationalität festgehalten wurde. Im sowjetischen Pass der Russlanddeutschen war bei Nationalität „Deutsch“ vermerkt.
In den Nachkriegsjahren konnten Russlanddeutsche zwar die Ausübung kultureller Traditionen wieder aufnehmen, nicht jedoch die Religionsausübung. Diese blieb sogar noch bis zum Ende der achtziger Jahre stark reglementiert. Vor allem für die ältere Generation der Russlanddeutschen, für die Glaube ein wichtiger Teil ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Identität bildet, war das problematisch. Erst die Politik der „Glasnost“ und „Perestroika“ schuf wieder die Möglichkeit sich selbst zu organisieren und ihre Kultur und Sprache wiederaufleben zu lassen. Meist war der Verlust kultureller Traditionen und der Sprache schon so weit fortgeschritten, dass man bei den Aussiedlern nur noch von einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl zum Russlanddeutschtum sprechen kann. Dieses wurde bestärkt durch gemeinsame historische Erfahrungen als Deutsche und durch Fremdzuweisungen, dass man einer ethnischen Minderheit angehört, wie beispielsweise dem Vermerk im Pass.
Quelle: Dietz; Barbara, Zwischen Anpassung und Autonomie: Russlanddeutsche in der vormaligen Sowjetunion und in der Bundesrepublik Deutschland, Veröffentlichungen des Osteuropa – Institutes München, Reihe: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 22, Duncker & Humblot, Berlin.
"Und dann?" - die Interviews
Im weiteren Vorgehen habe ich mir Interviewpartner herausgesucht, die in mein gesuchtes Profil passen. Russlanddeutsche, der „2. Generation“, junge Menschen, die entweder schon in Deutschland geboren sind oder als Kleinkinder nach Deutschland gekommen sind. Einer der Interviewten war bereits 9 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Ich habe mich dennoch dazu entschieden ihn zu interviewen, um gegebenenfalls Unterschiede zu den anderen Interviewten, die in einem jüngeren Alter nach Deutschland gekommen sind heraus zu stellen. Dann habe ich Interviewbögen erstellt, die aus 3 Teilen bestehen. Aus einem 1. Teil, der „grundlegende Fragen“ beantwortet zu der Migration der Familie. Zum Beispiel beinhaltet dieser Teil Fragen, wie und wann die Familie nach Deutschland gekommen ist, woher sie kam, mit wie vielen Kernfamilienmitgliedern (Vater, Mutter, Großeltern, Geschwister) sie nach Deutschland gekommen sind. Die Interviewten haben mir die grundlegenden Informationen schon vor dem eigentlichen Interview zu kommen lassen, damit ich mich auf die Person und ihren familiären Hintergrund einstellen kann. Der erste eigentliche Teil des Interviews basiert auf den „grundlegenden Fragen“ und umfasst den kurzen Fragenblock der „einführenden Fragen“.
Der zweite Teil des Interviews nennt sich „Stereotypen“. In diesem Part habe ich versucht zunächst herauszufinden, mit welchem Stereotypen über russischsprachige Menschen die Interviewten in Deutschland selbst schon konfrontiert wurden. Als nächstes habe ich gängige Stereotypen über russischsprachige Menschen angesprochen, die laut Umfragen am häufigsten genannt wurden, um fest zu halten, wie die Interviewten auf diese Stereotypen reagieren, ob sie sich oder Familienmitglieder mit diesen Stereotypen identifizieren würden. Außerdem habe ich auch einige Stereotypen über Deutsche einfließen lassen, um im Gegenzug herauszufinden, wie die Interviewten zu deutsche Stereotypen stehen und ob sie diese in sich und/oder ihren Familienmitgliedern wieder erkennen. Auch wenn Stereotypen oberflächlich zugeschriebene Merkmale umfassen, so begegnet man Stereotypen doch häufig im alltäglichen Sprachgebrauch. Gerade bei Russlanddeutschen fand ich es durch ihren speziellen Migrationsstatus als ethnische Deutsche, die aus Russland zurück in ihre historische Heimat kommen, interessant durch Stereotypen zu untersuchen, inwiefern sie sich noch mit Russland verbunden fühlen oder ob bereits ein vorangeschrittener Assimilationsprozess statt gefunden hat.
Im letzten Fragenblock hab ich mich der Identität gewidmet. In diesem Teil wollte ich mich vorsichtig an dieses sensiblere Thema herantasten. Ich war im Vorfeld schon darauf eingestellt, dass es den meisten wahrscheinlich nicht leicht fallen wird, sich in soziale Kategorien oder ähnliches einzuordnen. Deswegen habe ich teilweise sehr ähnliche Fragen mit Abstand gestellt, um Antworten aus den Interviewten „heraus zu kitzeln“. Allerdings habe ich auch immer versucht keine Grenzen zu überschreiten und nicht zu tief in diese Thematik ein zu steigen, da die Interviewten für mich größtenteils fremde Personen sind und ich im Umkehrschluss auch für sie. Zum einen habe ich versucht herauszufinden, wie die Interviewten von ihrer Außenwelt wahrgenommen werden und vor allem, wie sie sich selber wahrnehmen. Dabei spielt auch „Exklusion durch Herkunft“ eine Rolle.
Gegen Ende hab ich noch einmal ein paar allgemeinere Fragen einfließen lassen, wie „ob derjenige/diejenige Filme/Serien auf Russisch guckt zum Beispiel. Diese etwas allgemeineren Fragen sind wichtig für mich um die Alltagsgestaltung und Gewichtung der Herkunft in der Alltags- und Lebensgestaltung der Interviewten verstehen zu können. Ganz zum Schluss habe ich den Interviewten drei verschiedene Definitionen über Russlanddeutsche von einer Soziologin vorgelesen und sie gebeten, sich und ihre Familienmitglieder zu der am meisten zutreffenden Kategorie zu zu ordnen. Damit wollte ich zum einen schauen, wie die Interviewten den Integrationsprozess ihrer Familie bewerten und zum anderen, ob mein persönlicher Eindruck, den ich während der Interviews gewonnen habe, mit dem der Interviewten übereinstimmt.
Im Laufe der Interviews sind für mich einige Themenfelder besonders herausgestochen, die ich als wichtige Faktoren erachte, um die Ausbildung der Identität der Russlanddeutschen in der „2. Generation“ darstellen zu können. Diese Faktoren habe ich „Auswertungskriterien“ genannt und werde sie im Teil „Die Interviews“ darstellen. Sie spiegeln sich in den Zwischenüberschriften wider. In diesem Teil werde ich zudem zwei der Interviews gegenüberstellen. Ich habe dazu die Interviews von Anastasia und Maxim gewählt, da sie die konträrste Auffassung über ihre eigene Identität haben, fast gleich alt sind und beide bereits in Deutschland auf die Welt gekommen sind. Am Beispiel ihrer Interviews werde ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen, die sich an den Auswertungskriterien orientieren und ergänzt werden durch Meinungen aus den 4 anderen Interviews.