Abstract

Die Sprachkenntnisse der Eltern und die Präsenz des russischen im Alltag scheinen einen Einfluss auf Identitätsausprägung zu haben. Maxim fühlt sich deutsch, was in Verbundenheit mit der hohen Integrationsbereitschaft seiner Eltern stehen könnte. Während Anastasia sich zwar ebenfalls als deutsch sieht, überwiegt trotzdem das Russische in ihrem Identitätsempfinden.  

Eine Verbindung zu Russland bleibt bei allen Interviewten bestehen, durch Familienteile, die noch in Russland/Kasachstan leben. Der Einfluss der russischen Wurzeln zeigt sich bei Anastasia vor allem durch das Aufrechterhalten der zahlreichen russischen Bräuche und Traditionen, wie russisch – orthodoxe Weihnachten oder das Erinnern an den „Tag des Sieges“ (Sieg der Sowjetunion über Nazi – Deutschland). 

In der Fremdwahrnehmung, die die soziale Identität beeinflusst, werden Russlanddeutsche oft mit gängigen russischen Stereotypen in Verbindung gebracht, wie einem hohen Alkoholkonsum beispielsweise. Dies verdeutlicht erneut das Unwissen über die Thematik Russlanddeutsche. Eine kulturelle Identität kann Russlanddeutschen nur bedingt zugeordnet werden, da diese oft hybride Ausprägungen vorweisen und somit schwer zu kategorisieren ist. Ich denke, dass die Rolle der Eltern bei der Identitätsausprägung der Kinder eine entscheidende Rolle spielt. Inwiefern sich die Eltern in ihrer „neuen Heimat“ anpassen, wie schnell sie die neue Sprache erlernen, welches Gefühl über die „neue/alte Heimat“ Deutschland und über die „alte Heimat“, die Sowjetunion, sie ihren Kindern vermitteln prägt Kinder. Maxim konnte seine eigenen Identität genau benennen, während Anastasia sich damit schwer tat. 

Kultur und Sprache - die identifikationsstiftensten Faktoren?

Kultur – was genau bedeutet das eigentlich? Genau wie der Begriff Identität ist Kultur ein weitgreifender Begriff der viele verschiedene Bedeutungen haben kann. Wenn man im Duden nach schau findet man zum einen diese Definitionen:  „Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen“ und „Kultiviertheit einer Person.“ Den Begriff Kultur kann man also auf Gruppen, wie auch auf Einzelpersonen beziehen. 

Quelle: Kultur, duden.de

 https://www.duden.de/rechtschreibung/Kultur

 

Besonders bei Russlanddeutschen hat der Begriff „Kultur“ eine Wichtigkeit. Russlanddeutsche waren stets sehr bemüht darum, ihre deutsche Kultur zu erhalten. In der Familie wurde deutsch gesprochen, die Schulen waren auf Deutsch und man baute eigene Kirchen in den russlanddeutschen Dörfern (siehe auch geschichtliche Fakten). Da die Russlanddeutschen oft in Dörfern lebten, die weit entfernt waren von großen Städten und ihre Kolonien nur aus Russlanddeutschen bestand, war es relativ problemlos möglich eine lange Zeit abgeschottet in der „eigenen Welt“ zu verbleiben. Wenn die Heranwachsenden in weiterführende Schulen gingen oder ihr Studium/Berufsausbildung in einer größeren Stadt anstrebten, verließ man das gewohnte Russlanddeutsch geprägte Umfeld. Vermutlich sind das Phänomene, die erst um das 20. Jahrhundert auftraten. Zuvor haben viele junge Menschen sicherlich keine individuelle Berufsausbildung angestrebt, sondern sind dem beruflichen Werdegang ihrer Eltern gefolgt. Dieser hohe Wert, den Russlanddeutsche auf den Erhalt ihrer deutschen Kultur legten bereiteten ihnen schon immer Schwierigkeiten und erschwerten ihnen den Prozess, ein akzeptierter Teil der Gesellschaft zu werden. Sie wurden bezeichnet als Kolonisten, die weder wirklich deutsch noch russisch sind aber trotz allem durch das Erhalten der Kultur eher deutsch seien.

 Quelle: Damer; Tatjana in:  Retterath; Hans Werner (Hg.), Russlanddeutsche Kultur: eine Fiktion ?, Schriftenreihe des Johannes-Künzig-Instituts, Band 7, Freiburg, 2006. 

Ein zentrales Problem der Russlanddeutschen ist, dass sie zwar ihre Mutterkolonien in bestimmten Gebieten inne hatten aber aufgrund von politischen Veränderungen teilweise mit Zwangsumsiedlungen zu kämpfen hatten. Darauf bezogen prägte der Schriftsteller Josef Ponten den Begriff „Volk auf dem Weg“. Pronten meinte damit die Diskriminierung in der Sowjetunion aber auch die Integrationsschwierigkeiten, mit denen Russlanddeutsche in Westdeutschland konfrontiert waren. Die meisten sprachen kein deutsch mehr und die Gesellschaft stand ihnen eher feindlich gegenüber, da man sie wahrscheinlich eher selten, als „deutsche Rückkehrer“ sah, sondern eher als ethnische Russen, die ihm wirtschaftlich besser gestellten Deutschland leben wollten. Diese Erfahrungen haben das Selbstverständnis vieler Russlanddeutscher geprägt. 

Quelle: Retterath; Hans – Werner (Hg.), Russlanddeutsche Kultur: eine Fiktion ?, Schriftenreihe des Johannes-Künzig-Instituts, Band 7, Freiburg, 2006. 

Die Russlanddeutsche Kultur ist somit eher nicht auf eine territoriale Einheit zu beschränken. Allerding ist auch „Kultur“ kein festes Vorkommen, sondern einen permanenten Wandel unterzogen, der mit zeithistorischen Umständen zusammenhängt. Das Verständnis Russlanddeutscher Kultur unterscheidet sich von der Wahrnehmung und dem Verständnis Russlanddeutscher Kultur von vor 100 Jahren. Im Allgemeinen stellt sich natürlich die Frage, ob es Russlanddeutsche Kultur für in Deutschland lebende Russlanddeutsche überhaupt noch gibt oder ob sie sich, wenn überhaupt eher entweder „deutsch“ oder „russisch“ fühlen? 

Ein Identitätsprägender Aspekt sind sicherlich die bereits angesprochenen Umsiedlungen und der daraus entstandene Assimilationsdruck in der neuen Umgebung, in der man häufiger mit anderen Kulturkontakten und daraus entstehenden Kulturkonflikten zu tun hat, als in den Mutterkolonien, in welcher Russlanddeutsche „unter sich“ waren. Es ist womöglich schwierig von der einen Russlanddeutsche Kultur zu sprechen, da diese von der individuellen Erfahrung der einzelnen Familie abhängig sind. Wurden Familien umgesiedelt? Inwiefern wurden Aspekte wie Sprache und Religion konsequent aufrecht erhalten? Wurden kulturelle Bräuche wie, die deutsche Küche oder Feiertage aufrecht erhalten? All dies sind Aspekte, welche die Entwicklung Russlanddeutscher Kultur maßgeblich beeinflussen und sich von Familie zu Familie individuell gestalten kann.

Quelle: Becker; Siegfried, In: Hans – Werner (Hg.), Russlanddeutsche Kultur: eine Fiktion ?, Schriftenreihe des Johannes-Künzig-Instituts, Band 7, Freiburg, 2006.             

  

 

 

Sprache ist meiner Meinung nach und nach meiner persönlichen Erfahrung, als bilingual  aufgewachsene, ein sehr wichtiger Faktor zur Ausprägung der eigenen Identität. Sprache ermöglicht einem eine Kultur nicht nur oberflächlich, an bestimmten äußeren Merkmalen zu verstehen, sondern öffnet Türen, um ein tieferes Verständnis davon zu erlangen. Es ermöglicht Kommunikation und Kommunikation, der Austausch mit anderen Menschen, stellt soziale Beziehungen her, die wiederum die Identitätsausprägung beeinflussen. Zum Beispiel in Hinblick auf die soziale- aber auch persönliche Identität. Wenn ich nicht russisch sprechen würde, könnte ich mich mit meiner russischen Familie nicht verständigen, da uns eine gemeinsame Sprache fehlen würde. Ich könnte keine russischen Zeitungen lesen und würde durch das kyrillische Alphabet und die damit verbundenen anderen Buchstaben nicht verstehen können. Somit könnte ich mich im öffentlichen Raum in Russland nicht so einfach selbstständig bewegen, wenn ich noch nicht einmal lesen und aussprechen könnte, wie die U- Bahn Station heißt, zu der ich möchte. Sprache ist also ein wichtiger Faktor, wenn es um einen Zugang zu einer Kultur geht und um die Ausprägung von Identität geht.    

Gerade bei Russlanddeutschen ist die Entwicklung des Sprachgebrauchs ein interessanter Punkt. Generell haben Russlanddeutsche großen Wert auf den Erhalt ihrer Kultur gelegt. In den Russlanddeutschen Dörfern wurden Kirchen und Schulen von dem Geld der Dorfbewohner finanziert. In den Grundschulen war die Unterrichtssprache häufig primär deutsch und erst auf den weiterführenden Schulen sprach man russisch. In der Wolgarepublik, eines der größten und kompakten Siedlungsgebieten, entstand sogar eine „eigene Art“ deutsch: das Wolgadeutsch. Bis 1927 gab es sogar noch einige deutsche Zeitungen, wie die Moskauer DZZ (Deutsche Zentral Zeitung). Bei vielen russlanddeutschen Familien entstand eine Art sprachlicher Misch – Masch. Man kann bei Russlanddeutschen heute beobachten, dass teilweise Begriffe, die zum Beispiel im Zuge von technischen Revolutionen entstanden sind, zu Zeitpunkten wo sie schon im russischen Imperium lebten, heute noch genutzt werden, da sie die deutsche Entsprechung nicht mehr kennen gelernt haben. Dampfmaschine wird heute noch, vor allem von in diesem Beruf arbeitenden Menschen, „Parowik“ genannt.         

Quelle: Warkentin, Johann, Russlanddeutsche. Woher? Wohin?: Von Katharina II. (Der Grossen) bis in die Gegenwart, BMV Verlag Robert Burau, 1. Aufl. 1992, 2. Aufl. aktualisiert und erweitert, 2006. 

Die Autorin Katharina Meng hat sich in: Russlanddeutsche Sprachbiografien, durch Einbeziehung der verschiedensten Generationen sehr vielseitig mit der Entwicklung des Sprachgebrauchs unter Russlanddeutschen beschäftigt. Ihre Untersuchungen ergaben zum einen, dass es ausschlaggebend ist, ob beide Elternpaare Russlanddeutsch sind oder nicht. Wenn beide Russlanddeutsch sind ist die Erstsprache der Kinder zu ca. 60 Prozent deutsch. Ist der Vater „Deutscher“, die Mutter aber nicht, dann ist die Erstsprache nur zu 15% deutsch. Zurück zu führen ist dieses Ergebnis womöglich auf eine konservative Rollenverteilung in der Familie, in der der Vater arbeitet und das Geld verdient und die Mutter sich um den Haushalt und die Kindererziehung kümmert und eben auch ihre Muttersprache, in dem Fall russisch an die Kinder weitergibt. Außerdem wurden die Deutschkenntnisse der „jungen Eltern“ (die Eltern der Personen, die ich interviewt habe also die, die schon als Erwachsene nach Deutschland kamen und ihre Kinder hier geboren haben oder mit ihren kleinen Kinder herkamen) vor der Ausreise abgefragt. Dabei gaben 40% an Deutsch gut verstehen zu können, nur 20% gaben an gut deutsch zu sprechen und gerade einmal 5%, dass sie gut auf deutsch schreiben können. Als Grund für den stark rückgebildeten Deutsch Gebrauch kann man zum einen erneut den 2. Weltkrieg und die immense Diskriminierung anführen, unter denen Russlanddeutsche in der Folge zu leiden hatten und zum anderen auch, dass Deutsch nur für alltägliche Dinge im familiären Geschehen genutzt wurde. Interessant ist hierbei auch, dass 93% angaben, Russisch perfekt beherrscht zu haben und dass man ihre Sprachweise nicht von anderen Russen unterscheiden konnte. Da ich in meinen Interviews nie der Situation begegnet bin, dass beide Elternteile Russlanddeutsch sind, finde ich es beachtlich, dass ca. 70%,  bei der Frage nach der Ethnizität des Ehepartners angaben, mit einem Russlanddeutschen verheiratet zu sein. Dies verdeutlich aber auch die Geschlossenheit der Gruppe und der Wunsch nach dem Erhalt der Russlanddeutschen Kultur. Bemerkenswert sind auch die Ergebnisse zu der Ethnizität der Eltern. Bei den Urgroßeltern und Großeltern gaben 100% an, dass beide Elternteile deutsch waren. Eine leicht Abnahme erkennt man erst in den darauf folgenden Generationen. Um die 95 Prozent der „Großeltern – Generation“ gab an, monolingual deutsch erzogen worden zu seinund nur 63 Prozent gaben an russisch zu sprechen, wie ein Russe. Trotz allem war auch schon bei 68% der „Großeltern Generation“ Russisch die dominante Sprache in ihrem Leben. Außerdem ist es wichtig sich darüber im Klaren zu sein, dass die deutsche Sprache, welche weitergegeben wurde, meistens einer dialektalen Varietät entsprach (siehe geschichtliche Fakten). Auch die 1930er und 40er Jahre in denen viele deutsche Siedlungsgebiete bereits aufgelöst wurden, trugen zum Verlust der deutschen Sprache als Erstsprache und zum Verlust des Gebrauchs der deutschen Sprache bei. Zwei Zitate aus K. Mengs Buch verdeutlichen meiner Meinung nach sehr gut, welche entscheidende Bedeutung der Faktor Sprache für die Identitätsausbildung spielt: „[...] und dass das Russische ihnen symbolisch und praktisch zur Selbstidentifizierung dient[...]“ sowie

„[...] die russische Sprache [...] Erinnerung an das Herkunftsland und der Vermittler traditioneller familiärer Werte [...]“ (zitiert nach Meng; Katharina, in: Russlanddeutsche Sprachbiografien: Untersuchung zur sprachlichen Integration von Aussiedlerfamilien, 2001, S.453.). 

Zudem geht Katharina Meng aber auch auf die „2. Generation“ Russlanddeutsche ein und beschreibt, wie ihr Erlernen des Russischen beeinträchtigt wird. Bei Kindern, die im Kleinkind – bzw. Vorschulalter nach Deutschland gekommen sind ist der elementare Russischerwerb noch nicht vollständig abgeschlossen. In der Folge wird er außerdem stark durch den in Kitas und Grundschulen gleichzeitigen Erwerb des Deutschen beeinträchtigt. Bei Kindern, die im Grundschulalter nach Deutschland gekommen sind, wird der elementare Russischerwerb als abgeschlossen angesehen. Allerdings fehlt oft das Verständnis dafür, wie wichtig ein vernünftiges Erlernen der Erstsprache ist, um die Zweitsprach erlernen zu können. Es ist wichtig grammatikalische Grundlagen zu kennen und einen gewissen Wortschatz aufzubauen, um ein Gefühl für Sprachen zu bekommen. Eine Gefahr ist hierbei für Kinder in der 2. Generation, dass sie weder, die eine noch die andere Sprache richtig erlernen oder, dass dieses Erlernen mit erheblichen Verzögerungen verbunden ist, die vermieden werden können. Außerdem fehlen in Deutschland, große Städte, wie Berlin ausgenommen, oft die Strukturen, die einen Erhalt der Sprachkenntnisse in der Erstsprache ermöglichen.Ich denke dabei beispielsweise an deutsch-russische Kindergärten oder russische Theatergruppen für Kinder. 
Quelle: Meng; Katharina, Russlanddeutsche Sprachbiografien: Untersuchung zur sprachlichen Integration von Aussiedlerfamilien, Gunter Narr Verlag Tübingen, Tübingen, 2001. 

Auswertung Interviews

Im Anschluss an die Gegenüberstellung der Interviews von Anastasia und Maxim lassen sich Mutmaßungen zum Einfluss der Sprache auf die Identitätsausbildung anstellen.

Anastasia fiel es schwer, sich klar deutsch oder klar russisch einzuordnen. Sie bezeichnete sich als russisch/deutsch mit einem leichten Überhang zum Russischen. Dies kann mit der Präsenz des Russischen im familiären Alltag zusammenhängen. Russisch war die erste Sprache, die sie erlernt hat, ihre Eltern sprechen untereinander und mit ihr russisch und sprechen auch heute nicht fließend deutsch. Außerdem nennt Anastasia Sprache als einen wichtigen Faktor zur Ausprägung des Zugehörigkeitsgefühls zu einer bestimmten Gruppe. Aus diesem Muster fällt jedoch ein Punkt heraus, nämlich, dass sie sich im Deutschen sicherer fühlt, als im Russischen. Trotz alle dem guckt sie Serien und Filme bevorzugt auf Russisch, was wiederum das Gefühl des leichten Übergewichts zur russischen Identität aus ihrer subjektiven und persönlichen Perspektive erklären und bestärken könnte. 

Maxim wiederum, der sich klar als deutsch einordnet, spricht kaum russisch. Auch wenn seine Eltern russisch untereinander sprechen, wird in der allgemeinen familiären Kommunikation deutsch bevorzugt. Außerdem sprechen seine Eltern heute sehr gut deutsch. Die dominierende Sprache in seinem Alltag ist somit deutsch und ist eine mögliche Erklärung für seine klare Einordnung als Deutscher. Auch Maxim nennt Sprache, als den wichtigsten identifikationsstiftenden Faktor. Das Sprache ein ausschlaggebender Punkt ist, verdeutlicht sich an der Äußerung aller Interviewten, außer Maxim und Alex* (Name geändert), dass die intrafamiliäre Kommunikation sich einfacher gestalten würde, wenn der Partner*in russischsprachig wäre.

Anastasia und Maxim sind momentan beide mit Partner*innen liiert, die kein russisch sprechen, was hervorhebt, dass dies kein notwendiges Kriterium ist und sich mehr auf die familiäre Ebene als auf die persönliche Einstellung bezieht.    

Zusammenfassend kann somit gesagt werden, dass die Sprachkenntnisse der Eltern und die Präsenz des Russischen im Alltag einen Einfluss auf Identitätsausprägung zu haben scheinen. Maxim fühlt sich deutsch, was in Verbundenheit mit der hohen sprachlichen Integrationsbereitschaft seiner Eltern stehen könnte. Während Anastasia sich zwar ebenfalls als deutsch sieht, überwiegt trotzdem das Russische in ihrem Identitätsempfinden.  

Bemerkenswert finde ich außerdem, dass weder Anastasia noch Maxim, regelmäßig in Russland und/oder Kasachstan sind. Obwohl alle Interviewten antworteten, nie mit einem Identitätskonflikt konfrontiert gewesen zu sein, denke ich, dass es in Zukunft zu einem Identitätskonflikt kommen könnte, durch die geringe Kenntnis über das Land aus dem die eigenen Familie „kommt“ oder migriert ist. Zumindest, wenn man sich bewusst mit der eigenen Identität auseinander setzt. Besonders wenn man sich eigentlich „russischer“ fühlt, wie Anastasia denke ich, dass es für den eigenen Entwicklungsprozess wichtig ist, auch Russland beziehungsweise Kasachstan zu kennen, um die Kultur und Menschen aber auch Gegebenheiten, wie Umgangssprache oder Lebensumstände/Lebensweisen verstehen zu können. Anastasia hat allerdings bereits im Interview Interesse daran geäußert, öfter nach Russland reisen zu wollen.  

Um den Aspekt Kultur bewerten zu können, muss die Familie und ihre Einstellung gegenüber russischen Bräuchen und Traditionen, sowie der Punkt Stereotypen betrachtet werden. Alle Interviewten haben noch Familie in Russland oder Kasachstan. Meistens handelt es sich dabei um die Familie des „nicht russlanddeutschen“ Elternteils. Somit bleibt eine Verbindung zu Russland/Kasachstan bestehen und verstärkt das Gefühl, dass die eigenen Wurzeln nicht nur deutsch sind. Obwohl nur einer der Interviewten regelmäßig seine Familie in Russland besucht hatte ich den Eindruck, dass dieses Gefühl der Verbundenheit zum russischsprachigen Raum dadurch für die Interviewten erhalten bleibt. 

Bei der Kategorisierung der eigenen Familie nach den verschiedenen Integrationsstatus, ordnete Anastasia ihre eigene Familie als etwas zwischen „Russlanddeutsch“ und „Russaki“ ein. Dies verdeutlicht, dass sie sich der Dominanz der russischen Sprache und dem Aufrechterhalten vieler russischer Bräuche in ihrer Familie bewusst ist. Ihre Familie feiert Silvester, nach der russischen/kasachischen Zeit und den Tag des Sieges, sowie russisch orthodoxe Weihnachten und es wird regelmäßig russisch gekocht. Hier zeigt sich also erneut die Dominanz der russischen Wurzeln in Anastasias Familie. Interessanterweise wäre Anastasia gerne russisch - orthodox getauft. Ich finde das besonders überraschend, da für viele junge Menschen Religion heutzutage nicht mehr von großer Bedeutung ist. Womöglich trägt an dieser Stelle auch die Religionszugehörigkeit zu einem Zugehörigkeitsgefühl zu ihren russischen Wurzeln bei und ist laut eigener Aussagen ein „identifikationsstiftender Faktor“.   

Maxim wiederum ordnet seine Eltern in die Kategorien „echte Deutsche“ und „Russlanddeutsche“ ein. Der russische Einfluss ist noch vorhanden, in Form der russischen Küche und durch die russische Sprache, vor allem in der Kommunikation zwischen den Eltern. Bestimmte Feiertage und die russisch – orthodoxe Religionszugehörigkeit spielen allerdings keinerlei Rolle und verdeutlichen, weshalb Maxims Identitätsausprägung deutscher ist, als die Anastasias.

                        Ein weiterer ausschlaggebender Punkt ist, meiner Meinung nach, die Reflexion der eigenen russlanddeutschen Geschichte. Während in Anastasias Familie dies nicht aktiv thematisiert wird, ist bei Maxim das Gegenteil der Fall. Außerdem zeigt er Interesse an der Geschichte seiner Familie. Dies hat möglicherweise dazu beigetragen, dass er sich als Deutscher mit russischen Wurzeln definiert, wohingegen Anastasia sich mit einer klaren Einordnung ihrer eigenen Identität schwer tut.  

            Überraschenderweise scheint das Aufwachsen in einem russisch geprägten Umfeld keinen Einfluss auf die Identitätsausbildung zu haben, denn Anastasia und Maxim gaben beide an, in einem russisch geprägten Umfeld aufgewachsen zu sein. Ich vermute, dass damit weniger gesellschaftliche Einrichtungen, wie Schule oder Sportvereine gemeint waren, sondern eher das russischsprachige Umfeld ihrer Eltern, sowie die größtenteils russischsprachige Familie. 

            Abschließend kann ich sagen, dass für mich bei der Betrachtung der 2. Generation der Russlanddeutschen, die Sprache und Dominanz der russischen Sprache im Alltag, sowie die Familie und ihre Einstellung zu russischen Bräuchen und Traditionen, sowie die Reflexion über die russlanddeutsche Herkunft, die ausschlaggebenden Punkte für die Formung der Identität bilden. Sprache als wichtigen Faktor, nennen die Interviewten selber, Kultur (Traditionen, Bräuche und Religion) eher weniger. Trotzdem betrachte ich Kultur als genau so wichtig für die Identitätsausbildung. Sie ist weniger greifbar als Sprache, da sie in den verschiedenen Formen auftritt und eher „nebenbei“ im Alltag statt findet und wird meiner Meinung, aus diesem Grund nicht explizit genannt. Zur Beantwortung der Frage „Die Frage der Identität – inwiefern fühlen sich Russlanddeutsche der „2. Generation“ noch wie „wilde Russen“ oder sind sie „angepasste Deutsche“ oder steckt mehr hinter alldem?“,  

kann man zusammenfassend sagen, dass sich Maxim, Polina und Paul* (Name geändert) als „angepasste Deutsche“ sehen, während sich Anastasia eher noch den „wilden Russen“ zugehörig fühlt. Michaels und Alexs*(Name geändert) Identität kann als hybrid deutsch – russisch bezeichnet werden. Dementsprechend steckt mehr hinter der Identitätsausprägung als bloße Stereotypisierungen nämlich: Sprache und Kultur. 
Ich hätte nicht damit gerechnet, dass man bereits in der „2. Generation“ schon auf die klare Selbstidentifikation als „deutsch“ trifft. Ich habe mehr hybride Identifikationszuschreibungen erwartet. Dies bestätigt allerdings die hohe Integrationsbereitschaft, die viele Russlanddeutsche bei ihrer Rückkehr in die „historische Heimat“ kund tan.  

Achtung: Diese Studie ist keine repräsentative Studie, sie beschränkt sich allein auf die sechs geführten Interviews.  

 

Fazit

Betrachtet man die soziale Identität der Russlanddeutschen nach der Definition (siehe theoretische Grundlagen), kann man aufgrund der sechs Interviews fest stellen, dass die sozial konstruierte Identität, welche einem von Gesellschaften vermittelt werden können, meines Erachtens auch mittels Stereotypen, keinen großen Einfluss auf die Russlanddeutschen der 2. Generation zu haben scheinen. Russische Stereotypen, wie der hohe Alkoholkonsum, das zurechtgemachte Äußere russischer Frauen oder andere im Interview angesprochene Stereotypen, scheinen die Entwicklung und Identitätsausbildung der Befragten nicht ausschlaggebend beeinflusst zu haben. Lediglich den Stereotypen der „Gastfreundlichen Russen“ erkennen alle Interviewten in ihren Familien  wieder. Auch sie haben diesen Wert verinnerlicht und er ist somit Teil ihrer persönlichen Identität. Ich hatte den Eindruck, dass sich die meisten Interviewten, wenn überhaupt, eher mit „typisch deutschen“ Attributen, wie Ordnung und Pünktlichkeit identifizieren. 

Die Interviewten beschrieben ihre Identität als entweder deutsch oder deutsch/russisch. Nach einigen Aussagen zu urteilen ist ihre soziale Identität durch die Wahrnehmung der Gesellschaft, durch Fremdwahrnehmung, oft eher russisch geprägt. Gezeigt hat sich das zum Beispiel an Maxim, als er erzählte, dass sobald Alkoholkonsum zur Sprache kommt, alle Klassenkameraden sich zu ihm umdrehen würden, aufgrund seiner russischen (russlanddeutschen) Herkunft in Verknüpfung mit dem Stereotypen Alkoholkonsum. Nach den Interviews hatte ich, durch Erzählungen, wie die soeben erwähnte, teilweise erneut verstärkt den Eindruck, dass vielen Leuten nicht bewusst ist, dass Russlanddeutsche ethnisch gesehen keine Russen sind. Wobei dies auf die Interviewten nicht ganz zutrifft, da jeder von ihnen einen russlanddeutschen und einen ethnisch russischen Elternteil hat. Trotz allem hebt dies nur erneut hervor, dass die Thematik der Russlanddeutschen im gesellschaftlichen Diskurs nicht ausreichend angesprochen wird. 

Auch eine kulturelle Identität kann Russlanddeutschen nicht klar zugeordnet werden. Nach der Definition (siehe theoretische Grundlagen) basiert diese auf Ethnizität, Religion, Sprache und Kultur, also kulturellen Bräuchen. Den meisten Interviewten ist allerdings keine eindeutige Ethnizität oder Kultur zuzuordnen. Auch wenn sich einige der Interviewten als Deutsche sehen, betonten sie sich ihrer russischen Wurzeln ebenso bewusst zu sein. Auch die kulturellen Bräuche sind in den meisten Fällen eine Mischung aus russischen und deutschen Traditionen. Ostern wird zum Beispiel nach dem römisch - katholischen Kalender gefeiert, aber mit russischem Gebäck (eine Aussage aus dem Interview mit Polina). Bei der Sprache finden wir in den meisten Familien erneut eine Mischung aus deutschem und russischem Sprachgebrauch vor. Da Religion von den Befragten kaum Gewichtung fand, wird dieser Aspekt außen vorgelassen. 

Außerdem zeigt sich, dass die Identität der Russlanddeutschen in der zweiten Generation, auch wenn sich drei Interviewte aus einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl heraus als deutsch sehen, immer noch hybride Ausprägungen (deutsch/russisch) vorweist.   

Nach den Interviews zu urteilen kann man sagen, dass bei den meisten Russlanddeutschen bereits ein vorangeschrittener Assimilationsprozess stattgefunden hat. Alle Interviewten fühlen sich in Deutschland eindeutig verwurzelt und beheimatet. Eine Verbindung zu Russland/Kasachstan besteht noch durch die angesprochenen familiären Beziehungen und durch die Anwendung der russischen Sprache innerhalb der Familie. 

Ich denke, dass die Rolle der Eltern bei der Identitätsausprägung der Kinder eine entscheidende Rolle spielt. Inwiefern sich die Eltern in ihrer „neuen Heimat“ anpassen, wie schnell sie die neue Sprache erlernen, welches Gefühl über die „neue/alte Heimat“ Deutschland und über die „alte Heimat“, die Sowjetunion sie ihren Kindern vermitteln, prägt Kinder. Maxims Eltern sprechen heute gut deutsch, ihrer „alten Heimat“ gegenüber, zumindest in Bezug auf das Russlanddeutsch sein, sind sie eher negativ eingestellt. Mit Maxim sprechen sie offen über seine russlanddeutschen Wurzeln. Folglich konnte Maxim seine Identität benennen, da er seine eigene Identität reflektiert und sich damit auseinander setzt. Bei Anastasia zeigte sich, dass die mittelmäßigen Deutschkenntnisse der Eltern, die Präsenz der russischen Sprache im familiären Alltag, der positive Bezug ihrer Eltern zur „alten Heimat“ und die nicht angesprochene Thematik des Russlanddeutschseins dazu geführt haben, dass sie ihre eigenen Identität nicht genau benennen kann. Sie wirkte unsicher bei der Benennung ihrer eigenen Identität, was ich darauf zurückführen würde, dass ein Reflexionsprozess über ihre Identität noch nicht begonnen hat und eine Auseinandersetzung damit durch ihre Eltern, im Vergleich zu Maxim, nicht begünstigt wurde.    

Das Thema dieses Kurses für den diese Arbeit erstellt wurde - „border crossing“ - wird durch die Thematik Russlanddeutsche in mehrerer Hinsicht erfüllt. Zum einen durch die Migrationsströme in das russische Imperium im 17. Und 18. Jahrhundert und zum anderen durch die Aussiedlung in die historische Heimat zum Ende des 20. Jahrhunderts bis heute. Doch auch das Überdauern der russischen Einflüsse auf die Familien, selbst wenn sie wieder in Deutschland leben, unterstreicht die Auswirkung und Bedeutsamkeit von „border crossing“ und historischen Ereignissen.