Abstract

In diesem Abschnitt werden die Interviews von Anastasia und Maxim in vergleichender Form, nach bestimmten Auswertungskriterien dargestellt. Beide Interviewten sind in Deutschland geboren. Ihre Eltern stammen aus Kasachstan. Anastasia spricht fließend Russisch und besucht in unregelmäßigen Abständen ihre Familie in Kasachstan, während Maxim kaum Russisch spricht und bisher erst einmal in Russland war. In Anastasias Familie wird russisch gesprochen, während Maxim mit seinen Eltern eher deutsch spricht. Anastasias Eltern sprechen verständliches Deutsch, wohingegen Maxim das Deutsch seiner Eltern als „sehr gut“ bezeichnet. Kulturelle Praktiken und Feiertage spielen bei Anastasias Familie eine Rolle. Bei Maxims Familie sind bestimmte russische Feiertage oder kulturelle Bräuche eher nicht von Bedeutung. Anastasia und Maxim verbindet jedoch die Präsenz der russischen Küche in ihren Familien. Religion ist für Anastasia im Gegensatz zu Maxim ein identifikationsstiftender Faktor. Mit Stereotypen wurden beide konfrontiert, allerdings haben diese sie nicht weiter beeinflusst. Anastasia sieht ihre eigene Familie noch als russischer verwurzelt an, als Maxim. Maxim hat keinerlei Exklusionserfahrung gemacht. Anastasia kann sich an eine Exklusionserfahrung erinnern, aufgrund derer sie die Grundschule wechselte. Ihre eigenen Identität beschreibt Anastasia als, wenn sie sich entscheiden müsste, deutsch/russisch mit einem Überhang zum russischen. Maxim sieht sich als Deutsch. Für beide ist Sprache ein besonders identifikationsstiftender Faktor.  

Die Interviews

Ich kenne Anastasia seit sie ein kleines Kind ist. Wir spielen gemeinsam Tennis in einer Mannschaft in einem Verein in Berlin. Als Anastasia angefangen hat Tennis zu spielen, bin ich bei ihrem Vornamen sofort hellhörig geworden, kann mich aber daran erinnern, dass ich aufgrund ihres deutschen Nachnamens dachte, dass sie keinen russischen Hintergrund hätte, sondern ihre Eltern den russischen Vornamen einfach schön fanden. 

Maxim ist der Sohn eines Arbeitskollegen meines Vaters. Vor dem Interview kannte ich ihn nicht.

 

Kurzer Überblick über die andere Interviewten

 

Alex* (Name geändert), ist im Nordkaukasus/Russland geboren und kam im Alter von 9 Jahren 1999 nach Berlin/Deutschland.

 

Michael ist in Tscheljabinsk/Russland geboren und kam im Alter von fast 3 Jahren 1996 nach Deggendorf/Deutschland.

 

Polina ist in Kustanaj/Kasachstan geboren und kam im Alter von  2 einhalb Jahren 1999 nach Aschaffenburg/Deutschland.

 

Paul* (Name geändert) ist 1996 in Aschaffenburg/Deutschland geboren. Seine Eltern sind Aussiedler aus Nowo – Alexejewka/Kasachstan und kamen 1994 nach Deutschland.

 

Sprache und Kenntnis von Russland

Anastasia ist am 22.08.2003 in Hannover geboren. Sie ist bilingual deutsch – russisch aufgewachsen und spricht seit sie geboren ist russisch. Russisch ist die erste Sprache, die sie erlernt hat, da ihre Eltern untereinander und im Haushalt russisch sprechen. Sie kann auf Russisch lesen und schreiben, allerdings nur in Druckschrift und nicht ganz fehlerfrei. Als sie jünger war, ist sie am Wochenende in eine russische Schule gegangen, um das Lesen und Schreiben auf Russisch, neben dem Deutschen zu erlernen. Trotz allem fühlt sie sich heute im Deutschen sicherer. Sie begründet das damit, dass sie in der Schule und in ihren Freizeitaktivitäten, sei es beim Sport oder mit Freunden, Deutsch spricht. Sogar mit ihren Russlanddeutschen Cousinen spricht sie deutsch. 

Ihre Großeltern mütterlicherseits pendeln zwischen Deutschland und Kasachstan. Die Großeltern väterlicherseits leben in Kasachstan. Deswegen ist sie manchmal in Astana (Kasachstan) um ihre Großeltern zu besuchen, allerdings nur sehr unregelmäßig. Mit ungefähr 10 Jahren war sie das letzte Mal dort. Ansonsten war Anastasia bereits in St. Petersburg (Russland). 

Maxim ist am 30.12.2002 in Berlin geboren. Bereits beim ersten Punkt, der Sprache, sind erhebliche Unterschiede zu erkennen. Maxim spricht, nach eigener Aussage, nur sehr schlecht russisch mit deutschem Akzent. Er kann nicht wirklich auf Russisch schreiben, ein bisschen lesen aber versteht fast alles, was man ihm auf Russisch sagt. Dementsprechend fühlt er sich im Deutschen viel sicherer. Maxim hat noch, wie Anastasia, Familie in Russland (bzw. Kasachstan bei Anastasia), war aber bisher nur einmal dort, sehr unregelmäßig, wie Anastasia. In Kasachstan, dem Land aus dem seine Eltern kommen, war er noch nie.    

Maxims Eltern haben heute beide nur die deutsche Staatsangehörigkeit, so wie auch Maxim. Außerdem hat er keinerlei Wunsch nach einem russischen oder kasachischen Pass.

Alle Befragten gaben an, sich im Deutschen sicherer zu fühlen, als im Russischen. Drei der Befragten sprechen innerhalb der Familien ein Mix aus Deutsch und Russisch. Einer der Interviewten, Michael, erzählte, dass zum Beispiel Wörter, die es im Russischen nicht gibt, wie „doch“ oder „Termin“, in den russischen Dialog eingebaut werden. Nur einer der Befragten, Paul* (Name geändert) ist regelmäßig, mindestens einmal im Jahr, in Russland, um Familie mütterlicherseits zu besuchen. Zwei der Befragten hätten gerne einen russischen Pass. Der Grund dafür ist allerding nicht das Gefühl der ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit, sondern die Erleichterung des Einreisens nach Russland, da man kein Visum mehr beantragen müsste.  

Alle Interviewten haben noch Familie in Russland oder Kasachstan.

 

Kulturelle Praktiken und Religion

Beim Punkt kulturelle Praktiken gab Anastasia an, dass ihre Familie den Tag des Sieges (Sieg der Sowjetunion über Nazi Deutschland - 9.Mai) feiert, russisch – orthodoxe Weihnachten (6./7. Januar), Silvester nach der russischen bzw. kasachischen Uhrzeit und den Weltfrauentag am 8.März, der in vielen osteuropäischen Ländern einen sehr viel größeren Stellenwert hat, als in Deutschland. Auch beim Thema „Küche“ sagte sie, dass sie zwar zuhause abwechslungsreich essen, aber die russische Küche klar überwiegt. 

Mitglieder ihrer russlanddeutschen Familie waren evangelische Christen, doch ihre Mutter gehört heute keiner Glaubensrichtung an, während ihr Vater russisch – orthodox ist. Obwohl Anastasia selber nicht getauft ist, sieht sie Religion als einen identifikationsstiftenden Faktor und wäre gerne russisch – orthodox getauft, wie ihr Vater und ihre russlanddeutsche Cousine.  

Maxim sagte jedoch, dass diese Feiertage in seiner Familie nur kurz Erwähnung finden aber nicht wirklich zelebriert werden. Bei der russischen Küche findet sich allerdings Übereinstimmung, da auch bei Maxim zuhause relativ viel russisch gekocht wird. Seine Oma, die mindestens einmal die Woche vorbei kommt, bringt immer russische Spezialitäten, wie Pelmeni mit. Im Gegensatz zu Anastasia spielt Religion für ihn keine Rolle als identifikationsstiftender Faktor. Seine Mutter ist zwar russisch orthodox getauft, aber nicht praktizierend, sein Vater ist Atheist. Ob seine Großeltern, die auch in Deutschland leben getauft sind, weiß er nicht.   

Außer für Anastasia, ist für keinen der Interviewten Religion ein identifikationsstiftender Faktor. Zwei der Interviewten, welche in Russland und Kasachstan geboren wurden, waren russisch orthodox getauft. Alex* (Name geändert) wurde in Deutschland als evangelisch eingetragen und Polina als katholisch. Damit erhoffte man sich wahrscheinlich zu zeigen, wie hoch die Integrationsbereitschaft ist, dass man sogar beim für Russlanddeutsche wichtigen Thema Glaube bereit sei, sich an zu passen. 

Die russische Küche ist im Familienleben aller Befragten ein präsenter Bestandteil. Anders sieht es beim Thema russische Kultur und Feiertage aus. Nur einer der Befragten Paul* (Name geändert) erzählte, dass alle russisch – orthodoxen Feiertage gefeiert werden, genau wie die katholischen, da seine Mutter russisch orthodox ist und sein Vater und die Kinder, welche in Deutschland geboren sind, katholisch. Bei Polina und Michael finden diese Feiertage kurz Erwähnung, aber sie werden nicht aktiv begangen.    

 

Stereotypen

Bezüglich dem Fragenblock zu Stereotypen fand ich besonders die Aussagen zum Thema Frauenbild, Aberglaube, Gastfreundschaft und Klischees über Russen, denen man in Deutschland am häufigsten begegnet interessant. Dies unterstreicht, welche Attribute Russen in Deutschland gesellschaftlich zugeschrieben werden.

Ein hoher Wodka – Konsum war bei allen Befragten die zuerst genannte Antwort. Anastasia erzählte, von ihren Freunden „Ana – Wodka“ genannt worden zu sein. Auch Maxim nannte den Alkoholkonsum als das am Häufigsten vorkommende Klischee über Russen. Wenn in der Schule über Wodka oder Schnaps gesprochen wird, würden sich alle sofort zu ihm umdrehen. In diesem Zusammenhang macht Maxim auch darauf aufmerksam, dass viele ihn eben als „den Russen“ sehen würden und nicht als „Russlanddeutschen“. Der Unterschied sei für viele schwer nachvollziehbar.     

Anastasia beschreibt Russen als viel gastfreundlicher und offener. Eltern von Freunden empfindet sie, im Vergleich zu ihren eigenen, als viel distanzierter. Im Gegensatz zu deutschen Familien würde bei ihr immer etwas zu essen und zu trinken angeboten werden. 

An dieser Stelle unterscheiden sich Anastasia und Maxim kaum. Auch Maxim findet das „Klischee“ der russischen Gastfreundlichkeit in seiner Familie wieder. Er beschreibt auch, wie beeindruckt Freunde seien, wenn sie bei ihm zu Besuch sind und sehen, was alles aufgetischt wird. Für beide ist Gastfreundlichkeit eine sehr wichtige Eigenschaft.

Aberglaube ist in vielen russischsprachigen Familien sehr verbreitet. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie und fand es deswegen interessant zu sehen, inwiefern Aberglaube, vielleicht auch durch das Leben in Russland in Russlanddeutschenfamilien wieder zu finden ist. Anastasia sagte dazu, dass Aberglaube in ihrer Familie eine Rolle spielen würde. Vor allem für ihren Opa und deswegen beispielsweise alle darauf achten würden nicht im Haus zu pfeifen oder ähnliches (russisches Sprachwort besagt: durch Pfeifen im Haus verpfeift man Geld).

Bei Maxim in der Familie spielt Aberglaube allerdings keine Rolle. Er weiß aber von russlanddeutschen Klassenkameraden, dass Aberglaube in deren Familien teilweise eine große Rolle spielt. 

Russische – und osteuropäische Frauen werden oft als besonders attraktiv beschrieben. Auch wenn sich das Frauenbild in Osteuropa heute einem Westeuropäischen, in den jüngeren Generationen, immer mehr angepasst hat, ist dies ein Klischee, welches man häufig immer noch hören kann. 

Anastasia sieht einen klaren Unterschied beim äußerlichen Erscheinungsbild zwischen  russischen und deutschen Frauen. Sie beschreibt deutsche Frauen als natürlicher, weniger geschminkt und weniger elegant gekleidet, im Vergleich zu russischen Frauen. Ihr selber sei ihr Aussehen/ äußeres Erscheinungsbild sehr wichtig. 

An dieser Stelle kann man eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Anastasia und Maxim feststellen. Auch Maxim bestätigt, dass er zum Beispiel bei Klassenkameradinnen, die russlanddeutsche Wurzeln haben einen Unterschied zu anderen Klassenkameradinnen bemerkt. Sie würden mehr auf ihre Kleidung und ihr äußeres Erscheinungsbild achten.   

Gastfreundschaft ist ein Attribut, dass alle der Befragten, als in Russland/ehemaligen Ländern der Sowjetunion stärker ausgeprägt empfinden. Polina und Paul* (Name geändert), ebenso Anastasia, beschreiben dass sie als Kinder Unterschiede zwischen ihren Eltern und Eltern ihrer Freunde bemerkt haben, als sie bei ihnen zu Besuch waren, so wie auch Anastasia. Für alle Interviewten ist Gastfreundschaft ein sehr wichtiger Wert. 

Beim Thema Frauenbild beschrieb Polina, dass ihr durchaus auffällt, dass Frauen in ihrer Familie sich im Vergleich zu deutschen Frauen mehr zurecht machen und sehr auf ihr äußeres Erscheinungsbild achten. Interessanterweise erzählte sie, dass sie versucht dagegen „anzukämpfen“ und eher wenig Schmuck trägt und sich nur dezent schminkt. Paul* (Name geändert) beschreibt, dass man sich in Russland manchmal fast wie auf einer Modenschau fühle. Allerdings empfand er den Unterschied früher als noch deutlicher als heute. Außerdem merkt er auch bei russischstämmigen Frauen, die er in Deutschland kennen gelernt hat und die teilweise hier geboren sind, dass diese sehr auf ihr äußeres Erscheinungsbild achten.      

 

Die eigene Familie

Das nächste Kriterium legt ein Augenmerk auf bestimmte Merkmale der jeweiligen Familie. Diese Merkmale beinhalten Sprachkenntnisse der Eltern, die Integration der Eltern oder Geschwister, die Einordnung der eigenen Familie nach „Integrationsstatus“, die Familiengeschichte oder Integrationsgeschichte. 

Als Anastasias Eltern nach Deutschland kamen sprachen beide kein Wort Deutsch. Dementsprechend wurde die deutsche Sprache nicht an Anastasias russlanddeutsche Mutter weitergegeben. Nur ihr Vater (Anastasias Großvater) sprach noch ein wenig deutsch, da er eine deutsch – russische Firma hatte. Bei Familienfeiern wird in Anastasias Familie russisch gesprochen. Nur die Kinder, also die 2. Generation Russlanddeutscher, sprechen untereinander deutsch. Anastasias Eltern sprechen untereinander nur Russisch. Beide haben einen Deutsch - Sprachkurs absolviert, arbeiten heute jedoch in russischen Firmen. Somit ist Russisch in ihrem Alltag immer noch die dominierende Sprache. 

Ich habe den Interviewten drei verschiedene Definitionen einer Soziologin vorgelesen und sie gebeten sich selber und ihre Familienmitglieder in der Folge einer der Kategorien zu zu ordnen. 

Die Sozialgeographin Maria Savoskul präsentiert 3 unterschiedliche Typen von Spätaussiedlern

1) „echte Deutsche“: kamen vor der Massenaussiedlung 1988 nach Deutschland und sind sprachlich voll angepasst. Die russische Sprache haben sie nicht an ihre Kinder weitergegeben. 

2) „Russlanddeutsche“: sind bewusst bikulturell. Sie bewahren die russische Sprache und brechen den Kontakt zur ehemaliger Sowjetunion und andern Russlanddeutschen nicht ab. 

3) „Russaki“:  tun sich schwerer mit ihrem „Dazwischen-Sein“ und leiden unter mangelnder Akzeptanz als Deutsche. Sie durchlaufen eine problematische Integration und sind sozial isoliert. 

Quelle: Panagiotidis; Jannis, Identität und Ethnizität bei Bundesbürgern mit russlanddeutschem Migrationshintergrund, 14.01.2019,  https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/283533/identitaet-und-ethnizitaet-bei-bundesbuergern-mit-russlanddeutschem-migrationshintergrund.

 

Anastasia ordnete ihre Familie als etwas zwischen „Russlanddeutschen“ und „Russaki“ ein. Sie begründete dies damit, dass ihre Eltern nicht so gut deutsch sprechen. Man würde sie zwar verstehen aber sie sprechen nicht fließend. 

In ihrer Familie wird nicht über die Geschichte der Russlanddeutschen gesprochen. Lediglich ihr Großvater sprach früher und wenn nur sehr selten darüber. 

Laut Anastasia ist sie in einem stark russlanddeutsch beziehungsweis russischsprachig geprägten Umfeld aufgewachsen, da ihre Familie und Freunde ihrer Eltern fast ausschließlich russisch sprechen. 

Beim Thema Sprachgebrauch in der Familie kann man bei Maxim erneut einen großen Unterschied zu Anastasia und ihrer erkennen. Maxim spricht mit seinen Eltern meistens deutsch und nur selten russisch. Untereinander sprechen seine Eltern russisch. Sein Vater hat zwar schon in der Schule in Kasachstan Deutsch gelernt, dies aber größtenteils wieder vergessen, sodass beide Eltern in Deutschland Deutsch lernen mussten und einen Integrationskurs besuchten. Maxims russlanddeutschem Vater wurde die deutsche Sprache, wie bei Anastasias Mutter, nicht weitergegeben. Im Gegensatz zu Anastasia bewertet er das Deutsch, welches seine Eltern heute sprechen, als sehr gut. Sein Vater ließe ihn immer E – Mails korrigieren, um grammatikalische Fehler zu vermeiden. Maxims russlanddeutsche Großeltern, die heute ebenfalls in Deutschland leben, sprachen kaum deutsch und kommunizieren auch heute so gut wie nur auf Russisch. Gründe für die mangelnden Deutschkenntnisse sind zum einen, dass Maxims Großvater in einem Gefangenenlager für Russlanddeutsche aufwuchs, in dem es höchstwahrscheinlich verboten war deutsch zu sprechen. Als Maxims Familie nach Deutschland gekommen ist, hatten sie keine weiteren Familienmitglieder hier. Sie hatten damals die Wahlmöglichkeit zwischen Hannover und Berlin und entschieden sich für Berlin. Hier ist eine parallele zu Anastasias Familie zu erkennen, die zunächst nach Hannover ging. Daraus kann man schlussfolgern, dass auch für sie Hannover eine Wahlmöglichkeit gewesen sein muss.    

Bei einigen Familien wurden Vornamen – sowie Nachnamen bei der Einwanderung angepasst, um deutscher zu klingen. Maxim und Anastasia verbindet, dass beide russische Vornamen und deutsche Nachnamen haben. Der Nachname Maxims Familie wurde bei der Einwanderung leicht verändert, allerdings nur der seiner Eltern, durch Schwierigkeiten bei der Übersetzung aus dem Russischen und Transkriptionsfehlern. Der Nachname seiner Großeltern blieb unverändert und unterscheidet sich demnach von Maxims Familiennamen.

Maxims Eltern haben ihn über die russlanddeutsche Herkunft aufgeklärt und er bekommt über diese Thematik viel von seinen Eltern und Großeltern erzählt. Außerdem ist er selber daran interessiert und betreibt eigenständige Recherche zum Thema Russlanddeutsche. An dieser Stelle ist erneut ein Unterschied zu Anastasia feststellbar. 

Bei der Kategorisierung seiner Familie nach den drei verschiedenen Typen „Russlanddeutscher“, würde er seine Eltern als eine Mischung zwischen “Deutschen“ und „Russlanddeutschen“ einordnen, da sie heute sehr gut deutsch sprechen und integriert sind aber durch familiäre Verbindungen nach Russland und die russische Sprache immer noch eine Verbundenheit zu Russland spüren. Interessanterweise beschreibt er, dass sich seine Großeltern subjektiv als Deutsche fühlen, obwohl sie die Sprache kaum beherrschen und schlechter integriert sind, als Maxims Eltern. 

Bei der Frage nach dem russlanddeutsch bzw. russischsprachig geprägten Umfeld, beschreibt Maxim, wie auch Anastasia, in einem stark russlanddeutsch geprägten Umfeld aufgewachsen zu sein. So gut wie alle Freunde der Eltern seien russlanddeutsch oder russischsprachig und auch sein eigenes Umfeld beschreibt er als russlanddeutsch geprägt.

Alex* (Name geändert) und Michael erzählten beide, dass ihre Geschwister, die jeweils mit ungefähr 14/15 Jahren nach Deutschland kamen, russlanddeutsche oder russischsprachige Ehepartner haben. Beide gaben außerdem an, in einem stark russischsprachig- und/oder russlanddeutsch geprägten Umfeld aufgewachsen zu sein. Polina ist nicht in einem russlanddeutsch geprägten Umfeld aufgewachsen. Paul* (Name geändert) wiederum ist ebenfalls in einem stark russlanddeutsch geprägtem Umfeld aufgewachsen, durch seine Russlanddeutsche Familie, von der ein sehr großer Teil in Deutschland lebt und durch russischsprachige Freunde der Familie. 

Beim Thema Namensänderungen finde ich erwähnenswert, dass bei Alex* und Polina ihre russlanddeutschen Mütter wieder die deutschen Nachnamen annahmen (dieser war ihr Mädchenname oder Nachname aus der Familie, den man zurück verfolgen konnte). Auch die Kinder bekamen in der Folge diesen deutschen Nachnamen, obwohl sie eigentlich russische Nachnamen der Väter trugen. 

Michaels Vorname wurde von dem russischen Vornamen Michail in den deutschen Vornamen Michael geändert. 

Besonders interessant ist die Namensänderung bei Alex* (Name geändert). Neben der Änderung des Nachnamens änderten sich für die Kinder auch ihre Vornamen. Sie durften sich Vornamen aussuchen. Sein ältester Bruder behielt seinen russischen Vornamen, sein mittlerer Bruder suchte sich einen englischen Vornamen aus und auch Alex* (Name geändert) suchte sich einen „neuen“ Vornamen aus. Heute ist er allerdings unzufrieden mit seinem eigentlichen Vorname und stellt sich immer mit seinem russischen Vornamen vor. Er möchte seinen Vornamen wieder in seinen russischen Vornamen ändern und erzählte, dass er damals zu schüchtern war und nicht verstanden hatte, dass er seinen Vornamen hätte behalten können. 

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass Polinas Familie jedes Jahr den Tag feiert, an dem sie nach Deutschland gekommen sind. Außerdem wird das Gedächtnis an die russlanddeutsche Herkunft aufrechterhalten. Dieser besondere Tag wird oft begleitet von Geschichten im Zusammenhang mit dem Russland Deutschtum, vor allem durch Polinas russlanddeutsche Großmutter. Im Allgemeinen wird in der Familie viel über ihre Herkunft gesprochen. Bei Alexs *(Name geändert) Familie wird ihre russlanddeutsche Herkunft nicht spezifisch angesprochen. In Eugens Familie wiederum wird die Erinnerung an die eigene Herkunft, wie bei Maxim und Polina, aufrecht erhalten und thematisiert.

Kein Elternteil der Interviewten sprach sicheres Deutsch, als sie nach Deutschland kamen. Lediglich einige Großeltern sprachen noch etwas Deutsch, in einem spezifischen Dialekt, wie Polinas Großmutter und Alexs* (Name geändert) Großeltern, die Plattdeutsch sprachen.

Laut Polina, Michael und Paul* (Name geändert) spricht mindestens ein Elternteil heute gut deutsch. Bei Alex* (Name geändert) hatte ich das Gefühl, dass seine Mutter auch heute noch nicht wirklich gut deutsch spricht (sein Vater blieb damals in Russland), er hat dies im Interview jedoch nicht spezifisch so geäußert. Mein Gefühl kommt daher, dass seine Mutter heute mit einem Moldawier verheiratet ist (Moldawier sprechen russisch) und auch in den Familien der Brüder, bei denen sie häufig zu Besuch ist, hauptsächlich russisch gesprochen wird. Ihr alltägliches Leben scheint mir sehr russischsprachig geprägt zu sein. 

Alexs* (Name geändert) und Michael würden sich und ihre Familien am ehesten in die zweite Kategorie also „Russlanddeutsche“ einordnen. Polina ebenso, allerdings sieht sie sich als deutscher an als einige Familienmitglieder, auf der anderen Seite meidet sie die russische Kultur aber auch überhaupt nicht, wie es in der Definition „echte Deutsche“ angedeutet wird. 

Eugen sieht sich selber zwischen den Kategorien „echter Deutscher“ und „Russlanddeutscher“. Sein Vater würde er der Kategorie „Russlanddeutscher“ zuordnen, seine Mutter jedoch eher der Kategorie „Russaki“, da sie selber keinen russlanddeutschen Hintergrund hat und noch stark verbunden ist mit ihrer russischen Heimat. Den Großteil seiner Familie beschreibt er als der Kategorie „Russlanddeutsche“ zugehörig. 

 

Exklusionserfahrungen und die eigene Identität

Der nächste wichtige Aspekt, auf den ich eingehen möchte betrifft die Exklusionserfahrungen und die Einschätzung der eigenen Identität. 

Anastasia sind zunächst keine Exklusionserfahrungen eingefallen, obwohl sie erst in der Grundschule so richtig deutsch sprechen gelernt hat und sich nicht daran erinnern kann, wie sie im Kindergarten mit anderen Kindern überhaupt kommunizierte. Die anfängliche Sprachbarriere hat sie nicht negativ beeinflusst. Im weiteren Verlauf unseres Gespräches ist ihr allerdings doch eine Situation eingefallen, in der sie aufgrund ihrer Wurzeln diskriminiert wurde. In der Grundschule musste sie einmal die Schule wechseln, da sie von ihrer Klassenlehrerin und der Mutter einer Klassenkameradin gemobbt wurde. Die Klasselehrerin gab ihr auffallend schlechte Noten und die Mutter der Klassenkameradin stellte beispielsweise Fragen, wie warum Anastasias Familie überhaupt nach Deutschland gekommen sei. 

Ihre eigene Identität schätzt Anastasia zunächst weder als „ganz deutsch“ noch als „ganz russisch“ ein, sondern eher als etwas dazwischen. Auf einige Nachfragen antwortet sie schließlich, dass sie sich als russischer bezeichnen würde, wenn sie sich entscheiden müsste. Sie fühlt sich als deutsch/russisch mit einem leichten Übergewicht zur russischen Identität,  durch ihr russisch geprägtes Aufwachsen. Ihre territoriale Identität liegt für sie klar in Deutschland, die ihrer Eltern jedoch in Russland. Zudem beschreibt sie ein interessantes Gefühl, indem sie sagt, dass sie sich in Deutschland russischer fühlt und in Russland deutscher, da sie dann merkt, dass alle anderen um sie herum doch besser und anders Russisch sprechen, als sie. Für Anastasia hat die Sprache auf dieses Empfinden einen hohen Einfluss.

Maxim beschreibt im Gegensatz zu Anastasia keinerlei Exklusionserfahrung gemacht zu haben. Allerdings weiß er von Exklusionserfahrung seiner russlanddeutschen Familie in der Sowjetunion. Er erzählt, dass im Klassenbuch damals in der Sowjetunion hinter dem Namen und dem Alter auch die Nationalität, wie Kasache, Russe oder eben Deutscher vermerkt war. Sein Vater hatte einen Lehrer, der Kriegsveteran war und deshalb den Deutschen gegenüber sehr feindselig eingestellt war und dies Maxims Vater hat spüren lassen. Von acht Deutschen, die in der Klasse von Maxims Vater waren, leben sieben wieder in Deutschland.     

Seine eigene Identität beschrieb Maxim, wieder im Gegensatz zu Anastasia, als klar deutsch, da er hier geboren und aufgewachsen ist und sich als Deutscher fühlt. In der Grundschule wusste er selber noch nichts von seiner speziell russlanddeutschen Herkunft und wurde von einigen Kindern als „der Russe“ bezeichnet, was für ihn nicht einfach war, da er sich als Deutscher identifizierte und laut seinem eigenen Empfinden nichts machte, was diese Äußerungen provoziert haben könnte. Maxim sieht sich selbst als deutsch an, mit russlanddeutschen Wurzeln, die ihm auch wichtig sind und denen er sich bewusst ist. Seine ethnische Identität beschreibt er überwiegend als deutsch mit einem kleinen russlanddeutschen Anteil. Er fühlt sich, wieder anders als Anastasia, nicht russisch. 

Maxim nennt als identifikationsstiftende Faktoren Sprache an erster Stelle, dann Werte, die man vermittelt bekommt und das Umfeld, in dem man aufwächst. Auch Polina nennt Sprache, als den identifikationsstiftenden Faktor, da man die Sprache benötige, um eine Kultur verstehen zu können. 

Von den Interviewten geben alle, außer Alex* (Name geändert) an, selber keine Exklusionserfahrungen in Deutschland gemacht zu haben. Im Gegensatz dazu wissen alle von Exklusionserfahrungen, ihrer Familien als Russlanddeutsche in der Sowjetunion. 

Michael beschreibt seine kulturelle Identität als hybrid, genau wie Alex* (Name geändert). Polina beschreibt sich selbst überwiegend als deutsch, mit einem kleinen russischen Anteil. Paul* (Name geändert) sieht sich als Deutscher mit russischen Wurzeln. 

 

Besonderheiten

Bei einigen Antworten viel es mir schwer, sie einer bestimmten Auswertungskategorie zu zu ordnen. Trotzdem sollen einige interessante Aussagen hier erwähnt werden.

Anastasia beispielsweise erwähnte, dass sie Filme und Serien vorzugsweise auf Russisch guckt und erst seitdem es große Streaming Anbieter gibt, sozusagen „gezwungener Weise“, Filme und Serien des Öfteren auf Deutsch guckt. Außerdem fände sie es schön (es ist jedoch keine Bedingung), wenn ihr Partner auch russisch sprechen würde und/ oder einen russischen/russlanddeutschen Hintergrund hätte, da sie die russische Sprache an ihre Kinder weitergeben wollen würde.   

Bei Maxim fand ich interessant, dass seine Eltern bewusst einen russischen Vornamen ausgesucht haben und er weiß, dass er auch als Mädchen einen russischen Vornamen gehabt hätte. Anders als Anastasia guckt er überhaupt keine Filme/Serien auf Russisch. Seine Eltern guckten früher deutlich mehr Filme und Serien auf Russisch. Mit der Zeit hat das aber stark abgenommen. Womit das zusammenhängt, kann er nicht sagen. 

Ob seine Partnerin russlanddeutsch oder russischsprachig ist, hat für ihn keinerlei Bedeutung. Die russische Sprache würde er an seine eigenen Kinder nicht weitergeben, da er die Sprache selber nicht gut beherrscht. Werte, wie Gastfreundschaft und Offenheit allerdings schon. 

Michael, Polina und Paul* (Name geändert) fänden es zwar gut wenn sein/ihr Partner*in russischsprachig wäre, da es die Kommunikation innerhalb der Familie teilweise erleichtern würde, es ist aber kein Ausschlusskriterium und ist weniger auf eine privat persönliche Einstellung bezogen, sondern eher von Bedeutung in Hinblick auf die Familie. Allen Befragten, außer Maxim,  ist es außerdem wichtig, die russische Sprache an seine/ihre Kinder weiterzugeben.


Auf diesem Foto sieht man traditionelles russisches Gebäck.
Quelle: https://www.pexels.com/de-de/suche/Russische%20Küche/

Dieses Foto zeigt ein typisches russisches Gericht bestehend aus einem Fleischprodukt, Kartoffeln und Salat.
Quelle: https://www.pexels.com/de-de/suche/Russische%20Küche/

Interview Anastasia - vollständig transkribiert

Kira: Hallo.
Anastasia: Hallo.
K: Wir beginnen dann jetzt mit dem Interview und ich würde mit einem kleinen einführenden Block starten, das heißt so ein paar allgemeine Fragen klären über deine Familie, über die Herkunft deiner Familie und so weiter..
Meine erste Frage wäre erst mal, ob du selber Russisch sprichst?
A: Ja, ich spreche seitdem ich klein bin Russisch.
K: Also bist du bilingual erzogen worden?
A: Ja.
K: Sprecht ihr in eurer Familie, sprecht ihr untereinander Russisch?
A: Ja, in der kompletten Familie, weil die anderen nämlich kein Deutsch können.
K: Was heißt die anderen, wer sind die anderen? 
A: Naja, die Schwester von meiner Mutter, also die Seite und meine Großeltern.
K: Ok, also deine Großeltern sprechen kein Deutsch.  
A: Nein.
K: Auch jetzt noch nicht? 
A: Nee.
K: Also die haben das dann nicht mehr irgendwie gelernt, nach der Migration? 
A: Doch also ein bisschen, die Seite von meinem Vater gar nicht, aber die von meiner Mutter, also ihr Vater kann ein bisschen Deutsch.
K: Wie genau ist denn die Migration nach Deutschland von deiner Familie abgelaufen? Welche Seite von deiner Familie ist denn Russlanddeutsch? 
A: Der Vater von meiner Mutter.
K: Und mit wie vielen Familienmitgliedern seit ihr nach Deutschland gekommen?
A: Mit 4 oder 5.
K: Auch von der Seite deines Vaters?
A: Ja, also mein Vater ist ja auch mitgekommen und mein Onkel. 
K: der Bruder von deinem Vater?
A: Nee, der Mann von meiner Tante. 
K: Habt ihr jetzt noch Familie in Russland? Bzw. deine Familie kommt aus Kasachstan oder?
A: Ja, haben wir. Die Eltern von meiner Mutter und die Eltern von meinem Vater.
K: Und deine Eltern, als sie nach Deutschland gekommen sind, haben die da schon deutsch gesprochen?
A: Nein.
K: Kein Wort?
A: Nein, kein Wort.
K: Also wurde deiner Mutter die deutsche Sprache auch nicht mehr weiter gegeben? 
A: Nee, sie hat aber dann studiert und dann.
K: Und die Eltern von deiner Mama sprechen die noch Deutsch? 
A: Nur mein Opa ganz wenig, weil er hatte eine Firma, die russisch-deutsch war, aber er kann auch nicht so gut und meine Oma generell gar nicht.
[kurze Pause, um die Tonqualität der Aufnahme zu prüfen]
K: Und du hast gesagt, dass ihr innerhalb der Familie russisch sprecht, also dass das eure Sprache im alltäglichen Umgang ist?
A: Ja.
K: Und wie würdest du dein Niveau auf Russisch beschreiben? Du sprichst wahrscheinlich relativ gut?
A: Mhm ja mit ein paar kleinen Fehlern aber sonst ja an sich, so das „r“ kann ich auch nicht rollen. 
K: Kannst du auf Russisch schreiben? 
A: Schreiben kann ich, aber nur Druckschrift – Schreibschrift hab ich zwar gelernt aber habe ich verlernt und lesen kann ich auch.
K: Und bei deinem kleinen Bruder ist das genau so? 
A: Ja, aber auch nur Druckschrift, mit ein paar Fehlern. 
K: Und wenn ihr hier als Familie zusammenkommt, bei irgendwelchen Familienfeiern, wenn ihr euch besucht gegenseitig, wird da auch nur Russisch gesprochen?
A: Ja, nur Russisch. 
K: Nur Russisch ohne Ausnahme? Auch die Kinder untereinander? Oder ihr sprecht dann auch nur Russisch? 
A: Ja nee also das nicht also meine Cousine und ich reden eigentlich Deutsch aber sonst alle miteinander Russisch. 
K: Fühlst du dich sicherer im Deutschen? 
A: Ja, also ich glaube wir Kinder fühlen uns alle sicherer im Deutschen. 
K: Weil ihr nur in der Familie Russisch redet?
A: Ja so in der Schule und überall reden wir Deutsch. 
K: Was würdest du sagen, was ist die bevorzugte Sprache deiner Eltern? 
A: Russisch (direkte Antwort – ohne zögern).
K: Haben deine Eltern als sie nach Deutschland gekommen sind einen Sprachkurs gemacht? 
A: Ja, meine Mutter hat einen gemacht und mein Vater, für die Arbeit, aber da die beide in einer russischen Firma arbeiten...[Rauschen auf der Aufnahme]
K: Weißt du, ob das schon klar war, bevor sie nach Deutschland gekommen sind? Also haben sie sich bewusst dafür entschieden?
A: Ja, sie haben sich bewusst dafür entschieden aber erst in Deutschland. 
K: Gibt es irgendwelche kulturellen Praktiken, die ihr noch aufrecht erhaltet, irgendwelche Feiertage? 
A: Ja, also wir feiern den Tag des Sieges und am 6. Januar russisches Weihnachten und Silvester mit der russischen/kasachischen Uhrzeit und Weltfrauentag am 8.März. 
K: Seid ihr eine religiöse Familie?
A: Nein, mein Vater ist russisch – orthodox und meine Mutter gar nichts und ich auch nicht
K: Weißt du ob die Familie deiner Mutter Christen waren, ob die evangelische Christen waren? 
A: evangelische 
K: Wie ist das mit der russischen Küche? Wird bei euch zuhause russisch gekocht? Oder speziell russisch gefrühstückt? 
A: Ja, wir essen sehr viel Russisch – meine Oma kocht nur russisch. Zuhause essen wir alles, unterschiedlich, aber schon mehr russisch. 
K: Dann kommen wir jetzt zum 2. Frageblock, was so Stereotypen und Klischees angeht. Welche Klischees/Stereotypen über Russen sind dir hier in Deutschland begegnet? 
A: Der Alkoholkonsum, dann Pelzmäntel also, dass alle Russen Pelz tragen, Sauna und die „Russenhocke“. 
K: Gibt es Sachen, die zu dir selber schon gesagt wurden?  
A: Ich wurde nur von manchen Freunden „Ana-Wodka“ Genannt aber sonst mehr nicht 
K: Würdest du denn von dir selber sagen, dass es irgendwelche typisch russischen Klischees gibt, die auf dich selber zutreffen? 
A: Nee. 
K: Gibt es irgendwelche Klischees, die auf deine Familienmitglieder zum Beispiel Eltern zutreffen?
A: Nee, also die russischen nicht.
K: Womit verbindest du Gastfreundschaft? Das ist ja etwas, was oft über Russen gesagt wird und etwas gegenteilig über die Deutschen, wie empfindest du das? 
A: Ja also wird sind ja sehr offen, also unsere Familie ist sehr offen, ich glaub Russen bieten auch immer Essen und Trinken an, obwohl man die Leute gar nicht so gut kennt und es werden sofort Gespräche geführt, ich glaube auch so tiefere Gespräche. 
K: Also empfindest du Russen als Gastfreundlicher?
A: Ja, auf jeden fall. 
K: Auch wenn du es mit Freunden und deren Eltern vergleichst findest du deren Eltern distanzierter? 
A: Viel distanzierter, ja. 
K: Und möchtest du das selber auch weiterführen und an deine Kinder weitergeben? Findest du das Gastfreundschaft wichtig ist?
A: Ja, finde ich schon.
K: Wie ist das mit Aberglaube in deiner Familie bei meinem Vater war das zum Beispiel so, dass er immer gesagt hat, auf keinen Fall im Haus pfeifen, sonst verpfeift du unser ganzes Geld.
A: Ja, das ist bei uns auch so und dass der Spiegel nicht zerbrechen darf, weil sonst stirbt ein Mitglied aus der Familie oder man hat 7 Jahre Pech. Mein Opa glaubt sehr daran, deswegen müssen wir alle vorsichtig sein – und pfeifen auch nicht. 
K: Und dann gibt es ja auch noch das ganz bekannte Klischee der russischen Frauen, das russische Frauen eben sehr gut aussehende Frauen seien, die sich sehr gut kleiden, immer schön geschminkt sind, immer auf ihre äußere Erscheinung achten. Findest du das es einen Unterschied gibt, zwischen Deutschen und Russischen Frauen ?
A: Ja, auf jeden Fall also die Deutschen Frauen sind so eher natürlich, die schminken sich glaube ich gar nicht oder sehr wenig und die kleiden sich auch ein wenig anders also nicht so elegant, wie die Russen, da sind die Russen auf jeden Fall besser.
K: Ist dir selber deine äußere Erscheinung auch wichtig?  
A: Ja, also wenn ich unterwegs bin auf jeden Fall, zuhause halt nicht aber das ist ja normal, wenn ich draußen bin aber schon. 
K: Siehst du da auch einen Unterschied zwischen zum Beispiel deiner Mutter und Müttern von Freunden? 
A: Meine Mutter gibt sich sehr viel Mühe bei ihrem Aussehen, sie schminkt sich sehr natürlich aber sehr schön, sie kleidet sich auch sehr elegant.
K: Du hattest ja selber schon ein bisschen das Klischee von den Russen, die so viel Alkohol trinken angesprochen. Wie bewertest du das in deiner eigenen Familie, wird da viel Alkohol getrunken, an Familienfeiern zum Beispiel?
A: An Familienfeiern ja, aber sonst nicht. Ich glaub eher Bier als Wodka – Wodka nur an Weihnachten/Silvester, an wichtigen Feiertagen, aber sonst nicht.  
K: Hast du ein Bild von einem klassisch deutschen Mann und einer klassisch deutschen Frau im Kopf  und umgekehrt auch von einem klassisch russischen Mann/Frau? 
A: Mir kommt bei den Deutschen immer in den Kopf, dass sie Sandalen mit Socken tragen und das sie sehr auf Regeln achten. 
K: Und bei Russen?
A: Ich würd sagen, dass ein Mann immer Saunahüte tragen und auf jeden Fall Pelz.
K: Wenn man jetzt an gängige deutsche Klischees denkt, wie Ordnung, Pünktlichkeit, dass ein Deutscher viel Bier trinkt würdest du sagen, dass davon etwas auf dich und deine Familienmitglieder zutrifft? 
A: Ja (sehr schnelle Antwort) also ich bin sehr pünktlich, ich will immer pünktlich sein, genau so, wie meine Mutter und mein Vater, die sind auch so – wir sind immer pünktlich. Ich achte auch sehr auf die Regeln und meine Familie trinkt auch viel Bier.
K: Also ist das Thema Pünktlichkeit etwas, was dir von deinen Eltern so beigebracht worden ist?
A: Ja, auf jeden Fall. 
K: Was bedeutet Familie für dich? 
A: Familie ist mir sehr, sehr wichtig. Wir treffen uns auch sehr oft und fahren gemeinsam in den Urlaub. Familie spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben. 
K: Würdest du Deutsche als gestresster bezeichnen? Man hat ja so ein bisschen das Bild vom deutschen, der seinen Tag genau durchplant und weiß, wann er was macht und vom Russen der einfach sein Leben lebt. 
A: Ich glaube das kommt immer auf den Menschen an aber eigentlich ja, Deutsche sind eher gestresster. 
K: Würdest du sagen, dass Deutsche verlässlicher sind als Russen?
A: Ja, ich glaube das sind Deutsche etwas besser. Generell sind Russen nicht so organisiert, wie Deutsche, ich glaube denen ist vieles egal, ja die Deutschen sind verlässlicher. 
K: Jetzt zusammenfassend, nachdem wir einige Klischees besprochen haben, was würdest du sagen, was an dir ist „deutscher“ was ist „russischer“? 
A: „deutscher“ ist die Pünktlichkeit, ich bin auch sehr organisiert und achte auf die Regeln – ich weiß nicht genau, was als russisch zählt aber ich würde sogar sagen, dass ich mehr russisch bin, als deutsch, weil ich ja wirklich erst mit 5 Jahren gelernt habe Deutsch zu reden – ahh nee ein bisschen später sogar, weil ich es in der Grundschule noch nicht richtig gut konnte, ja deswegen.  
K: Hast du dich dann manchmal vielleicht sogar ausgeschlossen gefühlt? Bist du hier denn überhaupt in den Kindergarten gegangen? 
A: Ja, ich bin Hannover in den in den Kindergarten gegangen. Ich hab da immer mit einer russischen Putzfrau geredet aber ich habe da auch Freunde gefunden aber ich weiß har nicht mehr, wie wir kommuniziert haben weil ich konnte wirklich gar nichts aber irgendwie habe ich mit denen kommuniziert. Ich wurde nicht ausgeschlossen.  
K: Also hast du diese sprachliche Barriere nicht irgendwie als Nachteil empfunden oder noch im Gedächtnis? 
A: Nee.
K: Hat dein Bruder schneller deutsch gelernt?
A: Ja, viel schneller (prompte Antwort). 
K: Warum?
A: ich weiß nicht – er ist mit einem Jahr in einen deutschen Kindergarten gegangen und er hatte halt niemanden, der mit ihm russisch gesprochen hat, außer zuhause halt, deswegen denke ich das es bei ihm viel, viel schneller ging er hat zwar in der deutschen und in der russischen Sprache noch Probleme, aber er hat es viel schneller gelernt.
K: Würdest du sagen, dass es bei ihm ein Problem ist, das er beides ein bisschen kann aber nichts so richtig gut? 
A: Ja, also er redet mit vielen Fehlern aber ich glaube sogar russisch kann er besser als deutsch. Er schaut halt wirklich alle Filme auf Russisch, er redet nur auf russisch, aber auf deutsch hat er schon ein paar Fehler. 
K: Wie ist es bei dir selber? Guckst du viele Filme/Serien auf Russisch?
A: Ja, ich gucke eigentlich nur auf Russisch aber seitdem ich Netflix habe gucke ich viel auf deutsch aber ich würde gerne mehr auf Russisch schauen. 
K: Gut, dann kommen wir schon zum letzten Fragenblock, zur Identität.
[Erklärung Identitätsbegriff nach Defnition]
K: Gibt es denn eine soziale Kategorie, der du dich selber zuordnen würdest? Würdest du dich selber als Russlanddeutsche zählen?
A: Ja, also ich würde mich selber nicht als eine Deutsche zählen oder als eine ganz Russin, eher als eine Russisch – Deutsche – also auf jeden Fall nicht russisch und nicht deutsch. 
K: Wie würdest du dich selber beschreiben? Welche Eigenschaften machen dich als Person aus? 
A: Ich bin sehr organisiert, hilfsbereit, auch anstrengend.
K: Inwiefern anstrengend? 
A: Ich weis nicht, naja so zickig.
K: Gibt es irgendwelche Eigenschaften, wo du sagen würdest, dass dir das irgendwie gesellschaftlich zugeschreiben wurde, vielleicht auch durch deine Herkunft, weil du eben nicht „normal deutsch“ bist?
A: Nee (schnelle Antwort). 
K: Da hat dich nichts irgendwie beeinflusst.
A: Nee gar nicht.
K: Würdest du dir selber eine nationale Identität zuschreiben? 
A: Nee.
K: Und eine ethnische Identität?
[kurze Erklärung der Begriffe nationale – ethnische Identität]
A: Ja, eher ethnisch. 
K: Und ethnisch würdest du dich eher als russlanddeutsch sehen, wie du es ja eigentlich auch schon erwähnt hast? 
A: Ja.
K: Und das bedeutet für sich dass du dich wirklich genau dieser Gruppe „russlanddeutsch“ zuordnest und nicht irgendwie „deutsch“ oder „russisch“  also es für dich schon eine Bedeutung das es genau „russlanddeutsch“ ist? 
A: Ja (und mehrere leise Zustimmungen bereits während der Fragestellung).
K: Hast du dadurch das Gefühl, dass du irgendwie eine gespaltene ethnische Zugehörigkeit hast? Weil es eben weder das eine noch das andere ist? Empfindest du das als Problem? Weil es gibt wahrscheinlich viele Leite die mit Russlanddeutsch nicht so viel anfangen können und wenn man dich so erlebt dich vielleicht eher russisch zuordnen würde?
A: Ja, also ich würde mich, wenn ich mich entscheiden müsste eher als russisch bezeichnen, weil ich eben russisch aufgewachsen bin aber ansonsten russisch/deutsch aber eher russisch als deutsch.
K: Fühlst du dich manchmal wie zwischen zwei Stühlen, weil du dich weder dem einen noch dem anderen richtig zuordnen kannst?
A: Nee ich fühle mich ganz normal, also ganz okay damit. 
K: Wenn man dich fragen würde, wo kommst du her, was wäre deine erste Antwort? 
A: Ich komme aus Hannover, weil ich da geboren wurde aber meine Familie kommt Narilsk (Russland) aber mein Vater aus Astana/Kasachstan und weil meine Mutter dorthin später ausgewandert ist würde ich eher Astana sagen.
K: Das knüpft ein bisschen an die Frage an, die ich dir vorher schon gestellt habe, aber ich würde es gerne noch einmal verbal konkretisieren wollen. Hast du das Gefühl in einem Identitätskonflikt zu sein?
A: Nein (prompte Antwort). 
K: Hast du das Gefühl, dass das bei denen Eltern eher so ist, also das zielt jetzt eher auf deine Mutter ab, weil sie ja einen russlanddeutschen Hintergrund hat?
A: Ich glaube nicht, nein.   
K: Ich frage, weil es gerade für viele Russlanddeutsche in der Sowjetunion nach dem 2.Weltkrieg schwierig war und viele gesagt haben „ihr seid die Deutschen (Faschisten)“ und dann in Deutschland waren sie wieder „die Russen“, deswegen frage ich, aber da hast du gar keine Erfahrung gemacht?
A: Nein. 
K: Das habe ich im Prinzip schon einmal angesprochen, aber ich würde auch das trotzdem noch einmal gerne konkretisieren wollen. Du hattest eigentlich gesagt, dass du durch deine Herkunft noch nie Exklusionserfahrungen gemacht hast? 
A: Nein.
K: Weder in der Schule noch mit Freunden oder irgendwie bei Tennis Turnieren?
A: Bei Turnieren ist es so, dass da immer echt viele Russen sind also da sind eher mehr Russen dabei als Deutsche, das Gefühl habe ich generell bei Sportarten. Ich wurde generell noch nie ausgeschlossen aufgrund meiner Herkunft, im Gegenteil, die anderen fanden das eher immer cool und wollten, dass ich mal was auf Russisch sagen zum Beispiel. 
A: Obwohl doch doch, in der Grundschule, da wurde ich von einem Mädchen gemobbt, also von den Eltern eher und von der Klassenlehrerin, ja. 
K: Oh, ok – wie hat sich das geäußert? 
A: Ich hab dann die Schule gewechselt. 
K: So extrem war das? 
A: Ja, also die Lehrerin hat mir echt schlechte Noten gegeben und sie mochte meine Eltern nicht und ich war früher mit dem Mädchen befreundet, aber die mochten meine Eltern irgendwie nicht, also die Mutter auf jeden Fall.
Aber sonst außer in der Grundschule wurde ich gar nicht gemobbt. 
K: Aber hatte das alles konkret etwas mit deiner Herkunft zu tun?
A: Ja, die meinten, also so wie ich es von meinen Eltern mitbekommen habe weil ich kann mich nicht mehr so wirklich dran erinnern, die haben immer so Fragen gestellt, wie warum wir eigentlich hergekommen sind. 
K: Ok, ich hab jetzt hier nochmal drei Definitionen von einer Soziologin über Spätaussiedler über Russlanddeutsche und die würde ich dir einmal vorlesen und dich darum bitten mir anschließend zu sagen, in welche Kategorien du dich und deine Familie am ehesten einordnen würdest [vorlesen der 3 Kategorien].
A: Ich würde sagen die „Russlanddeutschen“ und die „Russaki“ irgendwie was in der Mitte, weil meine Eltern sprechen nicht gut deutsch. Man versteht sie, aber sie sprechen nicht fließend, also würde ich sagen, dass wir irgendwas dazwischen sind.  
K: Bist du in einem stark russlanddeutsch geprägten Umfeld aufgewachsen?
A: Ja (prompte Antwort). 
K: Wie äußert sich das hattet ihr viele Nachbarn/Freunde, die eben auch Russlanddeutsch sind?
A: Ja, also meine Eltern haben viele Freunde hier, aber wirklich nur russlanddeutsche 
K: Sind die auch wirklich alle „russlanddeutsch“ oder sind die auch teilweise einfach russisch? 
A: Ja doch, also russisch eher, aber die können irgendwie alle besser deutsch, als meine Eltern und da ich sehr oft bei meiner Familie bin würde ich schon sagen, dass ich in einem russisch geprägtem Umfeld aufgewachsen bin. 
K: Aber dann eher russisch und nicht russlanddeutsch oder? 
A: Ja, eher russisch dann. 
K: Wird in deiner Familie oft an die eigene Herkunft/die Geschichte deiner Familie erinnert?
A: Gar nicht, also wir haben noch nie so richtig über die Geschichte geredet. Mein Opa manchmal früher aber auf jeden fall nicht täglich der oft, also ich weiß wirklich nicht viel über die Geschichte. 
K: Hast du so ein bisschen eine Vorstellung hat deine Eltern/Großeltern ihre Herkunft geprägt ihre Ethnizität als Russlanddeutsche? 
A: Nee, ich weiß leider nichts darüber.
K: Du hast gesagt, dass dein Opa manchmal ein bisschen darüber spricht, was sagt er dann so? 
A: Also ich und mein Opa haben nicht so einen guten Kontakt. Wir sehen uns zwar oft aber wir reden nicht so wirklich miteinander, ich weiß nicht warum aber irgendwie sind wir nicht so verknüpft und er redet auch nicht viel darüber. Er hat immer nur über die Transsibirische Eisenbahn erzählt.
K: Ok. Du bist wahrscheinlich nicht religiös oder?
A: Nein, ich bin nicht religiös...aber ich wäre gerne orthodox, da mein Vater und meine Cousine die ist auch orthodox, die sind alle orthodox, ich wäre auch gerne orthodox. 
K: Also würdest du schon sagen, dass das irgendwie ein identifikationsstiftender Faktor ist?
A: Ja (prompte Antwort). 
K: Gibt es bestimmte Situation in denen du dich deutscher oder russischer fühlst?
A: Ich würde sagen, dass ich mich in der Schule wirklich russisch sehe aber so zuhause, weil die alle viel besser reden als ich, würde ich mich deutscher sehen aber ich kann das jetzt an keinem Beispiel festmachen. 
K: Wo bist du, wenn du in Ländern der ehemaligen Sowjetunion bist?
A: Also letztes Jahr war ich in St. Petersburg und sonst fahre ich nur nach Astana, um meine Familie zu besuchen und ich würde gerne mal nach Moskau fahren. 
K: Und kannst du nochmal sagen, wo genau kommt deine Mutter her und woher dein Vater?
A: Mein Vater kommt aus Astana und meine Mutter aus Narilsk, das ist eine kleine Stadt in Russland. 
K: Und weißt du, ob das auch genau die Stadt ist, in die die Familie damals ausgewandert ist?
A: Ja, ja. 
K: Aber du bist dann regelmäßiger in Kasachstan als in Russland?
A: Ja.    
K: Wenn du in Kasachstan bist, fühlst du dich dann da dazugehörig oder hast du dann eher das Gefühl deutsch zu sein? 
A: Naja ich war ja lange nicht mehr da.
K: Wann warst du das letzte Mal da?
A: Ich glaube mit 10 Jahren. 
Das letzte Mal war ich ja in St. Petersburg aber ich fühle mich da eher deutsch, weil ich bin ja nicht in sooo einem russischen Umfeld aufgewachsen, wie die und die reden ja auch alle viel viel viel besser deswegen würde ich mich da eher als deutsch zuordnen
Aber halt in Deutschland als russisch.  
K: Kannst du das irgendwo dran festmachen, woran das liegt, dass du dich mal deutscher mal russischer fühlst oder ist das einfach so ein Gefühl?
A: Ich glaube nur an der Sprache und wegen des Gefühls. 
K: Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, fühlst du dich im deutschen oder im russischen sicherer?
A: Im Deutschen.
K: Aber trotzdem fühlst du dich durch die Sprache irgendwie russischer – weil das in deiner Familie gesprochen wird? 
A: Ja, eigentlich rede ich ja wirklich mehr russisch aber ich spreche schon (von Fehlern her) besser Deutsch, als Russisch. 
K: Aber du hast Russisch so grammatikalisch nie richtig gelernt? 
A: Doch, ich war früher jeden Samstag in einer russischen Schule aber ich weiß nicht, wo das hin ist. Da habe ich auch wirklich alles gelernt: Lesen, schreiben alles nur ich weiß nicht, wo das jetzt ist.
K: Geht dein Bruder da auch hin?
A: Nee, er hat aber trotzdem russisch Unterricht gehabt, bei einer Frau, ich glaube er ist immer einmal die Woche dahin gegangen aber ich glaube er hat da besser gelernt, weil er Einzelunterricht hatte, das war viel viel besser.
K: Würdest du auch sagen, dass es deinen Eltern wichtig war, dir die russische Kultur nahe zu bringen, die Sprache und die Feiertage. 
A: Ja, würde ich schon sagen, das ist für die auch sehr wichtig die Feiertage und ich glaube es war ihnen auch sehr wichtig, dass wir die Sprache lernen damit wir sie später weitergeben können.
K: Und wenn du dir in der fernen Zukunft deine eigene Familie vorstellst, ist dir das dann genau so wichtig, dass du die Sprache weitergibst und die Tradition von bestimmten Feiertagen?
A: Ja also ich hoffe bis dahin wird mein Russisch noch ein bisschen besser, dass ich die dann weitergeben kann und die Feiertage werde ich auf jeden Fall auch beibehalten also ich hoffe, dass ich das hinkriege mit der russischen Sprache aber das wird ja schwer wenn der Partner dann nicht russisch ist.
K: Wäre es dir wichtig einen russischen Partner zu haben? Oder jemanden der die Sprache auch spricht? 
A: Ich glaube eigentlich schon, ja 
K: Wäre es dir dann wichtig, das derjenige Russlanddeutsch ist oder könnte der auch einfach russisch sein oder aus einem anderen russischsprachigen Land kommen? 
A: Also mir wäre schon wichtig, dass er auch deutsch spricht, weil ich nicht vorhabe nach Russland zu ziehen also ich denke es wäre deswegen schon Russlanddeutscher.
K: Ok, dankeschön.
A: Gerne. 


Interview Maxim - vollständig transkribiert

Kira: Okay! Sprichst du russisch und wenn ja, auf welchem Niveau?

Maxim: Also ich spreche sehr schlechtes Russisch, auch  mit sehr deutschem Akzent und ich kann auch nicht wirklich schreiben , also ich verstehe alles, was man mir sagt auf Russisch und ich kann auch teilweise lesen.

K: Ja, dann erübrigt sich wahrscheinlich die Frage, in welcher Sprache du dich wohler fühlst oder sicherer, weil du wirst dich im Deutschen sicherer fühlen?

M: Ja!

K: Welche Sprache sprecht ihr innerhalb der Familie, also welche Sprache sprichst du mit deinen Eltern?

M: Ich spreche meist deutsch, ich spreche auch russisch mit denen und die manchmal russisch mit mir. Untereinander sprechen die ganz oft russisch und vor allem wenn wir auch noch russische Freunde zu Hause haben, dann wird quasi eigentlich nur russisch gesprochen.

K: Habt ihr noch Familie in Russland oder Kasachstan?

M: Ja, in Russland.

K: Bist du regelmäßig in Russland?

M: Nee, ich war bisher nur einmal da.

K: Warst du schon mal in Kasachstan?

M: Nee, noch nicht.

K: Gibt es irgendwelche kulturellen Praktiken, die ihr aufrecht erhaltet, irgendwelche Feiertage z. B. wie Tag des Sieges oder Frauentag, russische Weihnachten?

M: Das findet nur kurz Erwähnung, ah heute ist 8. März , äh 8. Mai, sorry! 

K: Okay! Wird bei euch russisch gekocht zu Hause oder spielt russische Küche irgend ne Rolle, irgendwelche russischen Gerichte oder Lebensmittel?

M: Also russische Küche ist bei uns mehrmals die Woche, also meine Mutter kocht ganz viel, meine Oma auch, die ist mindestens einmal die Woche da und bringt auch Pelmeni und manchmal Wareniki vorbei und meine Mutter kocht auch immer russische Suppen macht auch russische Salate. Also bei uns ist die russische Küche schon ziemlich oft. 

K: Deine Eltern haben die schon deutsch gesprochen bevor sie nach Deutschland gekommen sind?

M: Ich weiß von meinem Vater, dass er Deutsch in der Schule hatte, aber er hat alles verlernt größtenteils und die haben in Deutschland angefangen, deutsch zu lernen. 

K: Bevor sie gekommen sind? 

M: Nee, erst in Deutschland.

 

K: Ach so, erst in Deutschland. 

M: Die hatten zuerst einen Integrationskurs , ansonsten haben sie sich auch vieles selber beigebracht. 

K: Okay. Wie würdest du das beurteilen, wie gut sprechen deine Eltern heute deutsch?

M: Meine Eltern sprechen sehr gut deutsch also sehr gutes Deutsch. Wenn mein Vater irgendwelche Texte oder E-Mails schreibt, soll ich immer nochmal rüber gucken, ob grammatikalisch alles richtig ist . Bei meiner Mutter hört man noch so nen leichten Akzent. Manchmal ist sie auch so, in manchen Situationen ist sie so hektisch, so ein bisschen unsicher, aber ansonsten hört man´s eigentlich nicht raus, nur wenn man genau hinhört. 

K: Und deine Großeltern, also die Russlanddeutsche Seite haben die deutsch gesprochen noch?

M: Meine Großeltern die haben , soweit ich weiß, kein deutsch gesprochen oder wenn nur ein bisschen . Meine Oma spricht dann immer deutsch mit mir , meistens eher russisch , sie spricht auch mit sehr großem Akzent deutsch, also sie spricht vorwiegend russisch auch mit meinem Opa und ich glaub`ich hab mit  meinem Opa nur sehr wenige Male deutsch gesprochen. Also der spricht fast nur russisch. 

K: Weißt du, ob sich , ich mein du warst ja bei der Einwanderung noch nicht geboren, aber ob sich euer Nachname verändert hat bei der Einwanderung?

M: Ja, das hat er, im Russischen gibt’s ja kein „Ö“ . Meine Großeltern heißen noch Böse, das ist unser eigentlicher Familienname, und wir heißen halt Beize, und im Russischen gibt’s kein „Ö“, deshalb hießen die halt drüben Bejse, dann wurde aus nem Fehler heraus oder  aber die französische Transkription verwendet und dann wurde aus Bejse Beize. Bei meinen Großeltern ist der gleich geblieben.

K: Aber die Namen deiner Eltern, also die Vornamen haben sich nicht verändert?

M: Also nee. Mein Opa und meine Oma haben beide deutsche Namen, also Arnold und Maria , sie hatten ja auch deutsche Großeltern und deutsche Eltern , die haben auch nur deutsch gesprochen. 

K: Aber die haben das Deutsche dann an ihre Kinder weitergegeben, aber deine Großeltern dann haben sozusagen das Deutsche nicht mehr an Deinen Vater weitergegeben?

M: Ja.

K: Okay. War wahrscheinlich im Zuge des Zweiten Weltkrieges irgendwie und durch die schwierige Situation danach für Russland-Deutsche?

M: Na ja, ich weiß ja, dass mein Opa also in dem Lager aufgewachsen ist, in dem Gefangenenlager für Russland-Deutsche und ich glaub  da war es auch verboten, deutsch zu reden.

K: In Sibirien? 

M: Ja also ich schätze es mal. Der Hass auf die Deutschen war groß, weil ich hab mal von meinem Vater gehört, der einen Kriegsveteranen als Lehrer hatte, dass es auch für ihn schwer war, deswegen es war wahrscheinlich auch ein bisschen verpönt.

K: Weißt du, ob deine Familie sich aussuchen konnte, wohin sie nach Deutschland kommt?

M: Die hatten glaub ich die Wahlmöglichkeit Hannover oder Berlin. 

K: Weißt du, womit das verbunden war, hattet ihr schon Familie, die davor schon nach Deutschland gekommen ist vielleicht?

M: Nee, hatten wir nicht. Also mein Vater war `91 mal hier, um mal ein bisschen den Papierkram zu erledigen und dann sind die halt ´93 dann alle hergezogen.

K: Haben deine Eltern ihren kasachischen oder russischen Pass abgegeben bei der Einwanderung oder haben sie heute eine doppelte Staatsbürgerschaft?

M: Sie haben den abgegeben. 

K: Würdest du denn einen russischen oder kasachischen Pass haben wollen?

M: Nicht wirklich. 

K: Ja dann kommen wir schon zu dem zweiten Frageblock zu den Stereotypen und Klischees. Welche Klischees und Stereotypien über Russen sind dir hier in Deutschland begegnet?

M: Was mir am häufigsten begegnet, auch in der Schule ist das Stereotyp Alkohol…

K: Das war auch bis jetzt das Erste, was alle gesagt haben!

M: Ja, das ist wirklich, es wird irgendwie Wodka oder Schnaps in der Schule erwähnt, alle drehen sich dann direkt zu mir um und ich glaub, das hängt auch damit zusammen, dass ich eher so der Russe bin, nicht so der Russland-Deutsche, so in der Schule.

K: Also würdest du auch sagen, dass irgendwie deinen Schulkameraden/ Klassenkameraden  und auch Freunden nicht so wirklich bewusst ist, wie der Unterschied ist zwischen Russen und Russland-Deutschen?

M: Ich hab vielen von denen von meiner Familiengeschichte erzählt, aber ich glaub , das ist ein bisschen so schwer, nachzuvollziehen für die meisten. Aber ich glaub, viele verstehens. Aber ich hab auch viele Russland-Deutsche bei mir in der Klasse , also sehr viele. Ich glaub , bei mir in der Klasse sind es 3 oder 4.

K: Bist du auf einer speziellen Schule?

M: Nee, ich bin auf nem Gymnasium. 

K: Also, das hat aber keinen russischen Zug oder irgendwas?

M: Nein.

K: Eine kleine Sache, die ich bei den einführenden Fragen vergessen hab, dein Name Maxim ist ja schon eher ein russischer Name würde ich behaupten.. 

M: Ja, den hat sich meine Mutter ausgesucht. 

K: Okay, also war das ne bewusste Entscheidung?

M: Ja. Aber auch als Mädchen hätte ich einen russischen Namen gehabt. 

K: Okay, es gibt ja auch dieses ganz gängige Klischee über Russen , dass Russen sehr gastfreundlich sind, dass Gastfreundschaft eine Rolle spielt.

M: Ja, das Klischee ist ziemlich wahr, alle, die bei uns sind, also von den Deutschen her, die Augen gehen dann weit auf, wenn sie sehen, wie groß der Tisch gedeckt ist, weil die kennen das alle nicht , dass da immer so groß gedeckt wird. Also man könnte dann halt wenn die vier Gäste kommen , könnte man trotzdem 12 Mann mit ernähren und das ist halt schon , würd ich sagen, wahr! 

K: Ist das auch was, was du für dich selber verinnerlicht hast, quasi, dass das auch für dich wichtig ist? 

M: Ja, das ist mir auch persönlich wichtig, dass auch wenn so Gäste kommen, dass auch nicht nur viel Essen, sondern auch so große Auswahl , dass es auch so Verschiedenes gibt. 

K: Spielt Aberglaube bei dir in der Familie eine Rolle? Mein Vater hat z.B. immer gesagt, dass ich zu Hause im Haus auf keinen Fall pfeifen darf, wenn man pfeift, verpfeift man sein ganzes Geld. 

M: Bei mir im Haushalt nicht, aber ich kenn eine Russland-Deutsche in der Klasse, bei der ist es , die darf nicht pfeifen. 

K: Aber bei euch ist das nicht so,  deine Eltern sind nicht so abergläubisch, oder?

M: Sie sind auch nicht religiös, gar nicht.

K: Bist du getauft?

M: Nee. Also meine Mutter weiß ich, ist damals in Russland also Russisch-Orthodox getauft . Da gibt’s auch noch ne Geschichte dazu, die kann ich nachher vielleicht erzählen. Aber ich persönlich nicht und sie glaubt auch nicht. Aber sie ist nur getauft. Das war so der Wille der Mutter.

K: Okay. Und dein Vater ist nicht getauft? 

M: Der ist , wie er immer sagt, streng gläubiger Atheist.

K: Und deine Großeltern, sind die getauft?

M: Das weiß ich tatsächlich gar nicht, aber die sind auch nicht gläubig. 

K: Und dann kommen wir auch gleich mal zu dem großen Klischee Alkohol. Wie ist das bei euch in der Familie, spielt da Alkohol eine Rolle, wie bei Familienfesten oder im Alltag ? Wie empfindest du das?

M: Also meine Eltern trinken regelmäßig Alkohol, also immer so Bier oder Wein und wenn so Freunde und Besuch kommt, dann oftmals auch so Spirituosen, aber nie wirklich so Wodka hatten wir glaub ich, erst ein- oder zweimal im Haus und den haben wir auch weiter verschenkt . Das ist auch immer so eine Enttäuschung, wenn ich das anderen Leuten sage, dass wir keinen Wodka zu Hause haben. Also ich war in vielen deutschen Haushalten und da gab es immer mehr so Spirituosen als bei uns. 

K: Ich weiß nicht, ob das für dich ein bisschen schwieriger ist zu beantworten, weil wenn ich mich richtig erinnere, warst du ja jetzt noch nicht so oft in Russland, aber fällt dir ein Unterschied auf, wenn wir jetzt von diesem gängigen Klischee von der russischen Frau sprechen, die sich eben zurecht macht, die auf ihr Äußeres achtet. Findest du, dass man da einen Unterschied merkt zwischen deutschen und russischen Frauen?

M: Ja, aber den würd ich sagen merkt man auch in Deutschland. Es gibt auch so viele Russland-Deutsche in der Schule und viele haben auch eine russische Mutter und deutschen Vater oder umgekehrt und man merkt auch wirklich, dass so Mädchen mit ner russischen Mutter, die kleiden sich dann auch immer so , nicht viel eleganter, aber achten viel mehr drauf und in Russland merkt man,  dass auch immer Kleider und sowas , man achtet wirklich aufs Äußerliche. Und meine Mutter hat mir da auch erzählt, dass da sehr auf Markensachen geachtet wird…

K: Oh ja.

M: Also, dass immer so geguckt wird, immer so ein bisschen der neueste Trend und sowas , dem zu folgen.

K: Okay. Ist das bei deinen, siehst du das bei deinen Eltern auch, dass denen Marken wichtig sind?

M: Also meinem Vater gar nicht und meiner Mutter eigentlich auch nicht. Die guckt , dass sie immer gut aussieht, aber so Marken sind ihr absolut nicht wichtig.

K: Wie würdest du stereotypisch einen russischen Mann beschreiben, also gibt’s so das Bild von einem russischen Mann, was dir so vor Augen kommt?

M: So vom Gesicht her kantiges Gesicht, also sehr markant und bei Russen meistens kurze Haare, so Maschinenschnitt , ja , das würde mir so als erstes einfallen. 

K: Und bei einer russischen Frau?

M: Bei russischen Frauen, die Wangenknochen, die sind so hoch, deshalb gibt es ja immer dieses Stereotyp, russische Frauen sind die schönsten Frauen und dann meistens lange Haare oder fast immer lange Haare.

K: Findest du, dass es irgendwelche russischen oder Klischees über Russen gibt, wo du sagen würdest, ja, die treffen auch auf mich oder Familienmitglieder von mir zu?

M: Also auf jeden Fall diese Gastfreundlichkeit, die weiß ich und sonst nichts so wirklich. Ich kenn auch nicht so viele Stereotypen. 

K: Wie ist das mit so einer klassischen Rollenverteilung. Man sagt ja auch, dass in Russland noch so ein sehr konservatives Bild ist, vielleicht nicht in den großen Städten, aber in ländlicheren Regionen , dass eben die Frau sich sozusagen mit der Familie beschäftigt,  mit der Erziehung der Kinder und dass der Mann arbeiten geht. Ist so ein Bild bei Euch in der Familie auch noch irgendwie vertreten?

M: Nee tatsächlich gar nicht. Meine Eltern arbeiten halt beide. Was ich halt merke, meine Mutter kocht halt definitiv öfter, mein Vater kocht auch, aber sie kocht definitiv öfter, aber die ganzen Finanzen und Steuern macht er.

K: Und wie ist es so mit Attributen wie Pünktlichkeit und Ordnung , wurde dir sowas von deinen Eltern verstärkt vermittelt?

M: Pünktlichkeit und Ordnung, also sie sagen immer, 10 Minuten vorher da sein mindestens und Ordnung , da gibt’s einen Aufschrei, wenn mein Zimmer nicht ordentlich ist, also wenn das Haus nicht ordentlich ist, also ja! Die beiden Attribute da wurde schon viel Wert drauf gelegt!

K: Wie bedeutend ist Familie für dich?

M: Ich würd sagen sehr bedeutend, also ich will auch später irgendwann heiraten und ne eigene Familie gründen. 

K: Du warst ja jetzt glaub ich erst einmal in Russland?

M: Ja.

K: Vielleicht kann man das auch vergleichen mit anderen Russlanddeutschen Familien, die du kennst oder russische Familien , hast du das Gefühl, dass Deutsche im Allgemeinen distanzierter sind als Russen, also dass die mehr so ihren eigenen Raum brauchen, vielleicht nicht so offen sind , nicht ganz so herzlich?

M: Das stimmt, oder dem würde ich zustimmen, dass Russen auch generell , ich kann gar nicht sagen, dass Deutsche distanzierter sind, aber Russen sind halt allgemein so viel kontaktfreudiger, würd ich sagen und Deutsche sind halt ja, distanziert war schon glaub ich, das richtige Wort dafür, aber die sind halt immer so für sich so isoliert. Die brauchen immer so ihren eigenen Raum.

K: Ja, dann kommen wir auch schon zur Identität. Könntest du dich selber einer sozialen Kategorie zuordnen, also fühlst du dich einer bestimmten sozialen Gruppe zugehörig? Die kann definiert werden durch verschiedenste Sachen, durch die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft, durch gleiche Moralvorstellungen, durch physische Attribute.

M: Also tatsächlich zur Zugehörigkeit, als einziges würde mir einfallen, ich fühl mich halt so als Deutscher, als Berliner, als Köpenicker , vielleicht noch als Gymnasiast, ansonsten würde mir da nicht viel weiter einfallen.

K: Du hast jetzt genannt als Deutscher, als Köpenicker, als Berliner , spielen da deine russischen Wurzeln keine Rolle für dich?

M: Ich weiß, dass ich russische Wurzeln hab und bin auch oft in Kontakt damit, aber ich bin Deutscher, in Deutschland aufgewachsen  und wenn ich mich entscheiden müsste, wo ich leben will, also zwischen Russland und Deutschland, würde ich mich definitiv für Deutschland entscheiden, weil es einfach mein gewohntes Umfeld ist und ja, hier bin ich quasi schon ein bisschen verwurzelt. 

K: Hattest du jemals mit sowas wie einem Identifikationsproblem zu kämpfen, in der Pubertät z.B.?

M: Ob ich mich jetzt als Russe oder als Deutscher fühle?

K: Ja, genau! Oder als Russlanddeutscher?

M: Ich hab mich so in der Grundschule, da wusste ich noch nichts von meiner Russland-Deutschen Identität. Ich war halt immer der Russe. Da wurd ich nicht angefeindet, aber ich wurde manchmal so ein bisschen gehänselt, also auch immer so der Russe genannt und ich finds immer so schwierig, wenn man sich als Deutscher identifiziert, aber trotzdem immer so als der Russe, das ist der Russe…

K: Sprich, das wurde dir, die soziale Kategorie wurde dir zugeschrieben, ohne dass du das eigentlich wolltest und ohne dass du das selber so empfunden hast.

M: Ja! Auch ohne dass ich das provoziert habe, was Typisches dafür getan hab!

K: Wie kam das? Weil irgendjemand was gemerkt hat, durch deinen Vornamen, dass du andere Wurzeln hast oder?

M: Nee, ich hab das halt offen gesagt, das wusste jeder.

K: Ab wann hast du dich selber damit auseinandergesetzt mit der spezifischen Russlanddeutschen Herkunft?

M: Als ich erfahren hab, dass ich , ich dachte immer so , dass mein Vater halt Deutscher wäre, aber in Russland geboren und wie das zustande kommen konnte weiß ich nicht, was ich da gedacht habe und meine Mutter halt Russin und erst als ich danach aufgeklärt wurde, dass ich Russland-Deutsch bin und die ganze Geschichte und dann hatte ich ein Buch über die Wolhynien- Deutschen und da habe ich mir einen Teil über meinen Urgroßvater durchgelesen und dann hab ich auch im Internet noch ein bisschen geforscht und hab mich halt belesen und so.

K: Weißt du noch, wie alt du da ungefähr warst?

M: Das dürfte in der 7./8. Klasse gewesen sein. Da war ich 13/14, so in dem Dreh, ja.

K: Würdest du denn deine eigene Identität als Hybrid bezeichnen, also als z.B. Deutsch und Russland-Deutsch oder Deutsch/Russisch oder eben doch eher Deutsch mit doch eben anderen Wurzeln aber nicht wirklich Hybrid?

M: Ich würde mich als Deutsch und Russlanddeutsch bezeichnen.

K: Deutsch und Russlanddeutsch?

M: Deutsch und Russland-Deutsch! Ich bin halt hier wie gesagt verwurzelt, aber ich hab halt auch diesen russischen Hintergrund und die seh ich auch als festen Bestandteil an.

K: Fühlst du dich jetzt weder Deutsch noch Russisch oder was dazwischen?

M: Ich fühl mich als Deutscher und als Russlanddeutscher. Ich fühl mich nicht russisch.

K: Hast du aufgrund jetzt deiner Russlanddeutschen Wurzeln richtig Exklusionserfahrung gemacht?

M: Also direkt Exklusionserfahrung nicht, nee eigentlich gar nicht!

K: Weißt du, ob der russlanddeutsche Teil deiner Familie in Russland Exklusionserfahrung gemacht hat?

M: Das weiß ich, da hab ich ja von meinem Vater vorhin schon erzählt, dass der einen Kriegsveteranen an der Schule hatte, und klar, im Klassenbuch standen immer Name, Alter und Nationalität, Kasache, Russe, Deutscher, Tadschike, was auch immer und dann hat man hinter dem Namen die Nationalität gelesen und dann hatte der ihn schon immer auf dem Kieker und er war auch, obwohl er in Russland war, immer der Deutsche und der war immer so der Nazi, weil es war immer noch der große Hass und ich glaube , mein Vater hatte ne Klasse mit 36 Schülern, mit 8 Deutschen waren da drinne und 7 von denen sind wieder in Deutschland.

K: Oh, okay, ja! Bist du in einem stark russland-deutsch geprägten Umfeld aufgewachsen?

M: Ja, definitiv, fast alle unsere Freunde sind irgendwie Russland-Deutsch und mein Umfeld war immer sehr russland-deutsch geprägt.

K: Spezifisch russlanddeutsch oder russlanddeutsch und russisch?

M: Russlanddeutsch und russisch würd ich sagen.

K: Wird in deiner Familie das Gedächtnis, die Erinnerung an die eigene Herkunft und Geschichte aufrecht erhalten?

M: Also meine Eltern sehen sich beide so als Deutsche an . Ich hab auch dies Buch in die Hand gedrückt bekommen, ich wurde halt schon darüber informiert , aber so direkt aufrecht erhalten wurde es nicht. Ich hab mich da auch sehr viel selber informiert , aber mir wurde das auch ausführlich erklärt und mir werden auch sehr viele Geschichten von meinen Eltern und Großeltern erzählt.

K: Also kann man schon sagen, dass sich damit schon eigentlich auseinandergesetzt wurde? Klar jetzt nicht jeden Tag setzt man sich hin und spricht ne halbe Stunde da drüber, aber… 

M: Ja schon! Aber häufig beim Abendessen bekomme ich eine Geschichte erzählt und wenn ich da  frage und das interessiert mich auch und meine Eltern erzählen mir das auch gerne.

K: Guckst du Filme oder Serien auf Russisch?

M: Nein.

K: Und deine Eltern?

M: Die haben früher mehr geguckt, aber mittlerweile sehe ich die  so gut wie gar nicht russisch gucken. Früher haben die sehr häufig, da lief abends immer ein russischer Sender. Nach dem Abendessen wurde eigentlich nur russisch geguckt, mittlerweile gar nicht mehr.

K: Hast du ne Erklärung dafür, warum?

M: Tatsächlich nicht.

K: Wäre es dir wichtig, dass dein eigener Partner/Partnerin russland-deutsch oder russischsprachig ist?

M: Absolut nicht, also meine jetzige Freundin ist auch Deutsche, deswegen stört mich das eigentlich gar nicht . Ich such mir da jetzt nicht nach Nationalität oder Herkunft aus. 

K: Wenn du später eine eigene Familie hast, wäre es dir wichtig, dass die russische Sprache an deine Kinder weitergegeben wird? 

M: Nicht, ich spreche ja selber kein russisch, also nur sehr brüchig , aber ich würde definitiv so Essgewohnheiten, so Traditionen und so Werte wie Gastfreundlichkeit und Offenheit würde ich definitiv weitergeben, aber nicht direkt die Sprache.

K: Ich hab jetzt hier drei Kategorisierungen von einer Soziologin, die sich mit dem Thema Russland- Deutsche beschäftigt hat und ich würd die dir einmal vorlesen und dich darum bitten, dich und wenn sich das irgendwie differenzieren sollte, deine einzelnen Familienmitglieder grob einzuordnen.

Also der erste Typus sind echte Deutsche, die sind vor der Massenaussiedlung 1988 nach Deutschland gekommen, sprachlich voll angepasst und haben die russische Sprache nicht an ihre Kinder weitergegeben.

Die zweite Kategorie sind Russland-Deutsche, die sind bewußt bikulturell, bewahren die russische Sprache und brechen den Kontakt zur ehemaligen Sowjetunion und anderen Russland-Deutschen nicht ab. 

Und der letzte Typus sind die Russaki, die tun sich schwerer mit ihrem Dazwischensein, leiden unter mangelnder Akzeptanz als Deutsche, hatten eine relativ oder haben einen relativ problematischen Integrationsprozess und sind sozial isolierter.

M: Also von meinen Eltern würde ich sagen, dass sie eine Mischung aus Deutschen und Russland-Deutschen sind, also die sind `93 hergekommen, aber sprechen sehr gut deutsch, flüssig mit ganz leichtem Akzent bei meiner Mutter, aber sie haben jetzt auch , weil meine Familie einen russland-deutschen und einen russischen Teil hat, die russische Sprache auch nicht komplett abgelegt, weil meine Mutter auch noch Familie in Russland hat und bis zur Einschulung haben sie  auch regelmäßig mit mir russisch gelernt und mir auch die Sprache beigebracht . Nach der Einschulung habe ich das quasi verlernt und dann nur noch deutsch gesprochen. Aber sie haben danach nicht aktiv versucht, mir noch russisch beizubringen. Und bei meinen Großeltern würde ich sagen, sie sehen sich als Deutsche an, aber ihnen fällt es definitiv schwer, quasi auch deutsch zu sprechen und sich zu integrieren. Sie sind immer noch sehr russisch.

K: Also sind Deine Großeltern wahrscheinlich eher so ein bisschen bikultureller!?

M: Die sind bikulturell, ich würd sagen eine Mischung aus Russlanddeutsch und Russaki.

K: Ja okay. Würdest du dir wünschen besser russisch zu sprechen? 

M: Ja, ich möchte definitiv auch russisch lernen und würde es auch gerne besser sprechen! Auch weil ich diesen Hintergrund hab , diesen familiären und weil ich die Sprache lernenswert und schön finde und weil ich auch gerne mal nach Russland wollen würde. Und vielleicht auch nach Kasachstan, um die Wurzeln meiner Eltern zu sehen.

K:  Würdest du sagen, dass die Sprache ein wichtiger identifikationsstiftender Faktor ist?

M: Ja, würde ich sagen, weil der Faktor quasi für alles ist, die Sprache .

K: Wenn du einen Top 3 von identifikationsstiftenden Faktoren nennen müsstest, welche wären das für dich?

M: Ist ne schwere Frage, auf jeden Fall die Sprache, dann würd ich sagen Werte, weil ich hab sowohl russische als auch deutsche Werte vermittelt bekommen, die Gastfreundschaft habe ich von meinem russischen Teil bekommen und Pünktlichkeit und Ordnung würde ich dann als typisch deutsche Werte ansehen. Und ansonsten halt noch das Umfeld, das direkte Umfeld.

K: Gibt`s noch irgendwas, was du selber noch hinzufügen wollen würdest?

M: Nee, tatsächlich nicht.

K: Okay. Dann danke schön!

M: Bitte.