Das ist mein Projekt
Man begegnet ihnen im Alltag öfter, als man vielleicht denken mag: Russlanddeutsche. Oft erkennt man Russlanddeutsche nicht im ersten Moment als Teil dieser speziellen Migrantengruppe, da sie häufig deutsche Nachnamen und manchmal sogar deutsche Vornamen tragen. Außerdem beherrschen Russlanddeutsche, vor allem die der „2. Generation“, welche hier geboren sind oder als kleine Kinder nach Deutschland gekommen sind, häufig schon so gut die deutsche Sprache, dass sie sich auch in dieser Hinsicht nicht von Deutschen ohne Migrationshintergrund, unterscheiden. Nur wenn man ihre Eltern kennen lernt, von denen ein Elternteil meist Russisch (oder aus einem Land der ehemaligen Sowjetunion) kommt und das andere Russlanddeutsch ist, merkt man, dass diese manchmal mit Akzent sprechen oder einfach etwas unsicherer im deutschen Sprachgebrauch wirken.
Doch was bedeutet der Begriff Russlanddeutsche überhaupt? Russen die in Deutschland leben? Eine Migration von Russen nach Deutschland, die mit dem 2. Weltkrieg in Verbindung steht? Das waren wohl die häufigsten Antworten, die ich bekommen habe, wenn ich diese Frage gestellt habe. Russlanddeutsche sind ethnische Deutsche, die durch Migrationsbewegungen zu Zaren Zeiten nach Russland berufen wurden, um dort freies Land zu besiedeln und zu bewirtschaften (näheres im Punkt geschichtliche Fakten). Ehrlich gesagt fand ich es ziemlich erschreckend, dass Russlanddeutsche einfach als „russische Migranten“ abgetan werden. Sie sind nämlich viel mehr als das und bilden einen Teil der deutsch – russischen Geschichte. Russlanddeutsche sind Teil einer Geschichte, die Grenzen überschreitet und deren Bedeutung und Auswirkung über Jahrhunderte andauert. Heute leben ca. 2,3 Millionen Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland und bilden somit eine der größten Migrantengruppen. Dieses Unwissen der zufällig Befragten Leute aus meinem Umfeld verdeutlicht nur den fehlenden gesellschaftlichen Diskurs und die fehlende Reflexion über Migrationsbewegungen nach Deutschland. Auch wenn ich aus eigener Beobachtung sagen kann, dass heutzutage junge Menschen in Deutschland, zumindest was die großen Städte angeht, eine sehr offene und sich engagierende Gruppe darstellen, was die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten betrifft. Es fehlt allerding eine Aufarbeitung vergangener Migrationswellen, die zeitlich noch nicht lange zurückliegen, wie eben die der Russlanddeutschen, die hauptsächlich Anfang der 90er Jahre statt fand aber bereits in den 80er Jahren ihren Anfang nahm. Eine Gesellschaft muss wissen, aus welchen verschiedenen Bausteinen sie besteht und welche Personen, Persönlichkeiten und Geschichten sich hinter diesen Bausteinen befinden können. Mit Hilfe von Interviews mit sechs jungen Russlanddeutschen der „2. Generation“ hoffe ich, einen Beitrag dazu leisten zu können und vor allem auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie speziell die Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen ist. Die „2. Generation“ umfasst in dieser Arbeit junge Menschen, die entweder bereits in Deutschland geboren sind oder als Kleinkinder nach Deutschland gekommen sind. Eine Ausnahme bildet ein junger Mann, der mit 9 Jahren immigriert ist. Ich bezeichne sie als „2. Generation“ der Russlanddeutschen, die wieder in ihrer historischen Heimat leben und das Leben in der Sowjetunion (bzw. deren Nachfolgestaaten) kaum oder gar nicht mehr bewusst erlebt haben. Da ich selber einen Migrationshintergrund habe, habe ich Erfahrung damit , wie es sich anfühlen kann, wenn man sich weder der einen Seite, noch der anderen Identität klar zuordnen kann. Was soll man auf die Frage: fühlst du dich deutscher oder russischer, antworten? Wie beantwortet man Fragen, wie: magst du Putin? Dir ist bestimmt nie kalt oder weil in Russland ist es eh immer kalt, das bist du bestimmt gewohnt oder? Kannst du mal was auf Russisch sagen? Wie fühlt es sich an, wenn sich beim Wort „Wodka“ alle Augen direkt auf dich richten und irgendjemand sicherlich gleich sagt : „Kira ist Russin, die trinkt Wodka“. Mit diesen Stereotypen und Fragen, die Menschen meistens aus Interesse stellen, lernt man mit der Zeit umzugehen und man gewöhnt sich irgendwie daran. Allerdings ist meine Ausgangssituation einfacher, meine Mutter ist Deutsche und mein Vater kommt aus der ehemaligen Sowjetunion. Aufgrund meines russischen Nachnamens ordnen mich Menschen, die mich nicht kennen, zunächst primär der Kategorie „Mensch mit Migrationshintergrund“ zu. Lernt man mich kennen, wird allerdings schnell klar, dass ich zwar russisch spreche und einen Bezug zu meinen russischen Wurzeln habe, dass ich aber vor allem in Deutschland geboren und vor allem hier sozialisiert wurde.
Doch ich habe mich gefragt, wie es sich wohl mit so einer äußerst besonderen Migrationsgeschichte, wie die der Russlanddeutschen anfühlt, wie diese mit dem angesprochenen „Identitätskonflikt“ zurechtzukommen (die Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen wird ebenfalls im Punkt geschichtliche Fakten erläutert). Gibt es einen Assimilationsdruck, durch das historische „Deutsch sein“, das ihnen überhaupt erst die Rückkehr nach Deutschland ermöglichte? Welche Werte wurden diesen jungen Menschen mitgegeben? Wie verlief ihre Integration und bewahren sie sich noch einen Bezug zu ihrer alten Heimat, einem Land der ehemaligen Sowjetunion? Wie nehmen junge Russlanddeutsche, die in Deutschland leben, ihre Identität wahr?
Zwei der Interviewten werden gesondert dargestellt. Ich habe Anastasia und Maxim gewählt, da ich so zwei Geschlechter abdecken kann, das weibliche und das männliche Geschlecht, die beiden ungefähr im gleichen Alter sind und die konträrsten Meinungen vertraten. Durch Interviews, die ich mit den 6 jungen Russlanddeutschen geführt habe, versuche ich folgende Frage zu beantworten: Die Frage der Identität – inwiefern fühlen sich Russlanddeutsche der „2. Generation“ noch wie „wilde Russen“ oder sind sie „angepasste Deutsche“ oder steckt mehr hinter alldem?
Achtung: „Der Begriff „Russlanddeutsche“ bezeichnet keinen rechtlichen Status, sondern wird allgemein für die Nachfahren deutscher Kolonisten verwendet, die in den Nachfolgestaaten der UdSSR leben oder gelebt haben [...]“ (zitiert nach: Wirtschaftliche Dienste Deutscher Bundestag Sachbestand, Russlanddeutsche in der Bundesrepublik, https://www.bundestag.de/resource/blob/424502/e534deaef41f3f1f1efcf098f64cb013/wd-3-036-16-pdf-data.pdf.).